Meinung
30 Jahre Mauerfall

Die DDR wird mit jedem Jahr etwas weicher gezeichnet

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible / HA

Wenn die Geschichtsklitterung so weitergeht, wird man zum 50. Jahrestag des Mauerfalls womöglich einem sozialistischen Paradies nachtrauern.

Hamburg. In der vergangenen Woche beging die Bundesrepublik den Mauerfall; von Feiern kann kaum die Rede sein. Eher pflichtschuldig widmete sich das wiedervereinigte Land dem Weltereignis vor 30 Jahren: Damals fielen nicht nur die Mauern in Deutschland und Europa, damals zerrissen die Ketten, die Abermillionen Menschen in ganz Osteuropa fesselten. Und die Deutschen hatten zum ersten Mal in ihrer oft finsteren Geschichte eine friedliche Revolution erfolgreich zu Ende gebracht.

Und wer feiert heute? Natürlich gab es einige offizielle Feierstunden, manche waren sogar feierlich. Aber das ganz große Echo auf die Sternstunde am 9. November 1989 blieb aus. Nach den Thüringen-Wahlen sah man mehr sorgenvolle Mienen als glückliche Gesichter. „Ich will mich heute einmal outen, und zwar als Mauerfall-Sentimentalist. Für mich gehört der Mauerfall zu den emotionalsten Momenten meines Lebens“, schreibt zumindest ein Journalist.

30 Jahre nach dem Mauerfall wird das Erbe der DDR lässig-locker schöngeredet

„Sorry, auch während ich das jetzt hier schreibe, muss ich zu einem Taschentuch greifen und schäme mich nicht einmal dafür.“ Diese Sätze erschienen am Wochenende – in einer Schweizer Zeitung. In Hamburg lud nur eine Partei zur Feierstunde ins Rathaus – ausgerechnet die AfD. Die Parte der Gaulands, Kalbitz‘ und Höckes kapert dreist den Slogan „Wir sind das Volk!“ Wie geschichtsvergessen muss man sein, ausgerechnet diese Herren an der Spitze des Widerstandes zu sehen? Es waren die Unangepassten, die Mutigen, die Freiheitsliebenden, die damals die Mauer zum Einsturz brachten.

Leider sind sie längst im Mahlstrom der Geschichte untergegangen: Die Sozialdemokratie hat ihre konsequente Entscheidung, nicht auf die Täter, sondern die Opfer zu setzen, mit dem Niedergang im Osten bezahlt. Sie ist heute nur noch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern eine ernstzunehmende Kraft. Die Linkspartei hingegen, die Rechtsnachfolgerin der SED, befindet sich im Aufwind. 30 Jahre nach dem Mauerfall mögen viele Altkader zwar Geschichte wie ihr ganzer Staat sein, aber das Erbe der DDR wird lässig-
locker schöngeredet, mitunter sogar verklärt.

Viele wissen gar nicht mehr, welcher Staat da 1989 unterging. Ein Land, das in kafkaesker Weise mit der Stasi seine Bürger ausgehorcht, überwacht, verfolgt hat, das Gegner gnadenlos ins Gefängnis werfen ließ und Flüchtlinge an der Grenze erschoss.

Einziger Exportschlager der DDR: politische Gefangene

Die Wirtschaft war so marode, dass der Arbeiter- und Bauernstaat am Ende nur noch einen Exportschlager kannte: politische Gefangene. 33.755 DDR-Bürger durften bis 1989 gegen eine Zahlung von rund 3,5 Milliarden D-Mark den Staat verlassen, den manche nicht mehr Unrechtsstaat nennen wollen.

Zur Gruppe der Schönredner gehört zum Beispiel Manuela Schwesig, SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Der Begriff „wirkt so, als sei das ganze Leben in der DDR Unrecht gewesen“, sagt sie. Das ist natürlich semantischer Unsinn – in einem Sozialstaat ist auch nicht das ganze Leben sozial.

Als SPD und Grüne mit den Linken in Thüringen 2014 eine Koalition eingingen, klang das noch anders. Die Grünen verhandelten den Begriff „Unrechtsstaat“ sogar in die Präambel des Koalitionsvertrags hinein. Inzwischen beteiligen sie sich aktiv an der Geschichtsklitterung.

Bürgerrechtler aus dem Osten retteten die Grünen 1990

In der jüngsten Erklärung der Justizminister zum Mauerfall stand der Satz zur Abstimmung: „Der Sehnsucht nach Freiheit und demokratischer Mitbestimmung hatte der Unrechtsstaat der DDR im Herbst 1989 nichts mehr entgegenzusetzen.“ Das rot-rote Brandenburg stimmte gegen die Erklärung. Bremen und Berlin (beide rot-rot-grün regiert) enthielten sich – wie das rot-grüne Hamburg. Offenbar benötigt der grüne Justizsenator Till Steffen gar keine linken Koalitionspartner – er ist links genug.

Das ist nicht nur geschichtsvergessen, es ist undankbar. Als 1990 die ersten gesamtdeutschen Wahlen anstanden, rutschten die Grünen im Westen unter die Fünf-Prozent-Hürde. Nur dank der DDR-Bürgerbewegung Bündnis 90 zogen einige Parlamentarier in den Bundestag ein. Die Bürgerrechtler aus dem Osten hatten die Grünen gerettet.

Heute werden sie durch die eigenen Parteifreunde verraten. Und mit jedem Jahr wird die DDR etwas weicher gezeichnet: Inzwischen ist alles nur noch halb so schlimm. Wenn das so weitergeht, wird man zum 50. Jahrestag des Mauerfalls einem sozialistischen Paradies nachtrauern.