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Hamburger Kritiken

Fahrradverkehr – ein Griff in die Speichen

| Lesedauer: 5 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible / HA

Klimakrise, Hymnen aufs Rad und viele grüne Regierungsjahre haben Hamburgs Fahrradverkehr nur wenig vorangebracht.

Es ist genau ein Jahr her, da waren die Grünen schwer aus dem Häuschen: „Die Ergebnisse der neuesten Messungen sind der absolute Hammer“, tirilierte Grünen-Politiker Martin Bill. „Als leidenschaftlicher Radfahrer kann ich nur sagen: Weiter so! Wer – wie ich – regelmäßig mit dem Rad unterwegs ist, sieht an vielen Stellen der Stadt, dass unsere Radverkehrspolitik Wirkung zeigt.“ Was war passiert? An den sogenannten Fahrradpegeln wurden im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr Radler als 2017 gezählt.

In diesem Jahr dürfte der Jubel deutlich verhaltener ausfallen – ein kräftiger Rückgang zeichnet sich ab. Nach den ersten Auswertungen schlägt ein Minus von rund sechs Prozent zu Buche. Das wären zwar noch immer rund zwölf Prozent mehr als 2017 – aber dieses Jahr war vergleichsweise schwach. Ganz so schnell wird Hamburg wohl doch nicht Fahrradstadt.

Dabei ist der hübsche Begriff in aller Munde: Erstmals tauchte er im Jahre 1996 in dieser Zeitung auf – passenderweise in einem Text über Groningen. In Hamburg wurde er 2008 eingebürgert. Knapp 100 Treffer zeigt das Abendblatt-Archiv bis März 2015, als SPD und Grüne unter der Zeile „Rot-Grün einigt sich: Hamburg wird Fahrradstadt“ zusammenfanden. Seitdem kamen in weniger als fünf Jahren weitere 450 Treffer hinzu. Rhetorisch ist Hamburg schon Fahrradstadt.

Dummerweise ist auf meinem täglichen sieben Kilometer langen Arbeitsweg trotz des Wortgeklingels nicht ein einziger Meter neuer Fahrradweg hinzugekommen. Wer – wie ich – regelmäßig mit dem Rad unterwegs ist, sieht an vielen Stellen der Stadt, dass die Radverkehrspolitik leider doch kaum Wirkung zeigt: Ich muss beispielsweise weiter ohne Radweg etwa die Elbchaussee, die Palmaille, die Reeperbahn oder die Simon-Utrecht-Straße entlangfahren und dabei auf den lieben Gott hoffen. Ich werde weiter auf haarsträubenden Kopfsteinpflasterpisten durch Ottensen wie im Thermomix durchgerüttelt. Ich stehe mir weiter etwa an der Ampel Bleicken­allee/Hohenzollernring – übrigens schon 2011 in einer großen städtischen Umfrage zur „Nervampel“ erklärt – die Beine in den Bauch und hoffe darauf, dass irgendwann in den folgenden Minuten grünes Licht kommt – und irgendwann in den folgenden Jahren vielleicht sogar eine grüne Welle für Radler.

So lange dürfen wir Fahrradfahrer uns wundern, warum sich zusätzlich zu den altbekannten automobilen Radwegparkern noch – drolligerweise unter der Überschrift „Verkehrswende“ – nervige Elek­troroller in den Weg stellen.

Ist die viel beschworene Fahrradstadt am Ende ein Papiertiger für Senatsdrucksachen und Wahlprogramme, aber weniger eine Handlungsdirektive? Ist der Begriff ideologischer Überbau, der in der Realpolitik aber kaum ankommt? Wird man Fahrradstadt durch das Wort oder die Tat? Zählt das Erreichte, oder reicht das Erzählte?

Vielerorts werden die Radler langsam ungeduldig. Der Ausbau der Radwege kommt nur im Schritttempo voran. Von den 60 Kilometern, die jeweils 2017 und 2018 entstehen sollten, wurden nur 32 gebaut – eine Zielverfehlung um fast die Hälfte. An mangelnden Finanzmitteln liegt es nicht; zugleich fließen 7,5 Millionen Euro in eine große Werbekampagne für das Rad.

Nun wollen wir nicht unfair werden: Die Grünen mussten die SPD in der Radpolitik zum Jagen tragen. Und aller Kritik zum Trotz hat sich etwas in der Hansestadt bewegt. Manche neuen Strecken wurden geschaffen, Kreuzungen umgebaut und endlich auch die Velorouten auf den Weg gebracht; das Leihsystem StadtRad ist genial, und der Fahrradanteil steigt – der Anteil der Wege beim gesamten Verkehrsaufkommen ist zwischen 2008 und 2017 um zwei Prozentpunkte auf 15 Prozent gestiegen.

Angesichts der Dauerbeschallung von „Fahrradstadt“ und „Klimakatastrophe“ ist das eher wenig. Die Schaffung neuer Wege ist keine Raketenwissenschaft, mitunter reichen schon ein paar Eimer Farbe. Und der Umstieg aufs Rad ist keine Zumutung, sondern für viele Hamburger ein Kinderspiel. Man muss es nur wollen.

Immerhin: Die Grünen, die innerhalb der letzten 22 Jahre mehr als die Hälfte der Zeit mitregiert haben, müssen nicht fürchten, dass die Bürger ihnen ihre Minderleistung besonders übel nehmen. Eine Umfrage von Hamburg Energie brachte gerade ans Licht, was junge Menschen für besonders effektiven Klimaschutz halten: Sie gehen häufiger protestieren und geben ihre Stimme öfter einer Partei, die sich konsequent gegen den Klimawandel einsetzt.

Vielleicht sollten sie sich einfach häufiger aufs Rad setzen. Ein „Weiter so“ dürfte nicht reichen.

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