Meinung
Leitartikel

3000 neue Wohnungen: Die Grasbrook-Chance

Visualisierung des Bauvorhabens auf dem Kleinen Grasbrook.

Visualisierung des Bauvorhabens auf dem Kleinen Grasbrook.

Foto: Hosoya Schaefer Architects

Wohnungen und Industriebetriebe nebeneinander auf der Elbinsel – ein Modell für die Zukunft.

Hamburg. Der Senat hat am Dienstag beschlossen, den Grasbrook zur Bebauung freizugeben. Die dort ansässigen Hafenfirmen müssen zusammenrücken, ihre Flächen verkleinern sich. Das ist eine richtungsweisende Entscheidung für Hamburg. Einen neuen Stadtteil entwickelt man nicht mal eben so. Es geht um ein jahrzehntewährendes Bauprojekt, das Hamburgs Stadtbild verändern wird.

So war es auch bei der Entwicklung der HafenCity. Und ebenso wie bei der HafenCity geht es um Flächen, die lange Zeit dem Hafen vorbehalten waren. Bei der HafenCity aber war die Umwandlung vergleichsweise einfach. Das Areal war für eine moderne Hafennutzung nicht mehr zu gebrauchen. Der Hafen hatte seine Aktivitäten bereits weiter nach Westen verlagert. Etwas anders ist es auf dem Grasbrook, wo heute noch Waren umgeschlagen werden und rund 500 Menschen ihren Arbeitsplatz haben.

Über die Zukunft dieses Gebiets schwelt seit Jahrzehnten ein Konflikt zwischen Stadtentwicklern auf der einen und der Hafenwirtschaft auf der anderen Seite. Soll man den Grasbrook räumen, um ein neues Wohnquartier entstehen zu lassen? Oder ist er, wie die Hafenwirtschaft behauptet, weiter für ihre Nutzung unersetzlich? Als der Senat noch die Olympia-Bewerbung vorantrieb, schien die Frage geklärt. Der Grasbrook sollte die neuen Sportstätten beherbergen und nach den Spielen dem Wohnungsbau zur Verfügung stehen. Nachdem die Olympia-Bewerbung am Volksentscheid gescheitert war, flammte die Diskussion über Hafen oder Wohnen wieder auf.

Grasbrook: Streitpunkt Finanzierung

Der Senat hat dem nun ein Ende bereitet, indem er beides ermöglicht. Aber wie bringt man Wohnbebauung und Industriebetriebe so nah beieinander in Einklang? Monatelang wurde verhandelt, mit den Hafenfirmen eine Absichtserklärung vereinbart und dann doch wieder über deren Inhalt diskutiert. „Wir mussten einen gordischen Knoten lösen“, sagt Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Das scheint nun gelungen.

Insofern ist die Einigung des Senats nicht gering zu schätzen. Es ist sicherlich ein Verdienst des Bürgermeisters und des Wirtschaftssenators Michael Westhagemann (parteilos), dass ein Kompromiss gefunden wurde, mit dem die Hafenwirtschaft leben kann. Die Grünen hatten nämlich durchaus andere Vorstellungen, nicht nur über die grundsätzliche Nutzung des Grasbrooks.

Auch über die Finanzierung der Umstrukturierung, die bei der Verkleinerung des Hafenareals nun notwendig wird, wurde gestritten. Die Grünen befürchteten eine verdeckte Subventionierung der Hafenwirtschaft. Die Stadt wird die notwendigen 120 Millionen Euro aufbringen, machte Tschentscher jetzt deutlich. Der Bürgermeister hat sich durchgesetzt.

Hamburger Senat könnte großes Erbe hinterlassen

Aber auch die Grünen haben am Dienstag dem Plan im Senat zugestimmt. Insofern kann der Beschluss als Beweis dafür angesehen werden, dass die rot-grüne Koalition in Hamburg trotz interner Streitigkeiten noch funktioniert.

Allerdings steckt der Teufel wie immer im Detail. Zunächst einmal muss noch die Bürgerschaft zustimmen, was keine leichte Hürde sein wird. Zudem ist die Einigung mit der Hafenwirtschaft noch nicht in trockenen Tüchern. HHLA, Unikai und der Lebensmittelkonzern Edeka benötigen neue Mietverträge mit der Hamburg Port Authority mit einer langen Laufzeit.

Das Ganze sollte noch vor der Bürgerschaftswahl im Februar geschehen. Denn dann könnten sich die Mehrheitsverhältnisse im Parlament ändern und vielleicht auch eine neu zusammengesetzte Koalition künftig die Geschicke Hamburgs bestimmen. Gelingt das Projekt Grasbrook, hinterlässt dieser Senat seinen Nachfolgern ein großes Erbe.