Meinung
Deutschstunde

Wie erkennt man starke oder schwache Verben?

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Ein Blick auf die Flexion im Deutschen. In einer kleinen Endsilbe kann eine Fülle von Informationen stecken.

Florian liebt Helene. Wer nun befürchtet, dass wir einen inszenierten Tränenausbruch in der ARD-Schlagersendung vom Sonnabend kommentieren wollen, der sei beruhigt. Hier geht es nicht um die tatsächlichen oder gespielten Gefühle, die mit dem Verb „lieben“ verbunden sind, sondern ausschließlich um die grammatischen Informationen, die wir aus der kurzen Form „liebt“ entnehmen können.

Wir wollen die Flexion behandeln, auf Deutsch auch „Beugung“ genannt. Die Flexion ist ein Teil der Morphologie, der Wissenschaft von der Formenlehre, und die Morphologie wiederum eine Gruppe der Grammatik (Sprachlehre). Das Deutsche gehört zum Typ der flektierenden Sprachen. Die Flexion ist ein äußerst effektives Mittel, in einem Ausdruckselement wie Stamm oder Endung mehrere grammatische Informationen und damit auch Aussagen unterzubringen. Nehmen wir die Verbform „lieb-t“ mit der Endung -t, die besagt, dass wir es mit der 3. Person (er) Singular (Numerus) Indikativ (Modus) Präsens (Tempus) Aktiv (Genus Verbi) zu tun haben. Wenn wir eine dieser Informationen verändern, die übrigen aber beibehalten, ergeben sich gleich eine andere Form und eine andere Aussage.

Das versteht man unter Konjugation

Wechseln wir von der 3. in die 2. Person, so bekommen wir die Endung -st (du lieb-st). Die (grammatische) Person hat sich geändert, die anderen Informationen sind komprimiert erhalten geblieben. Wechseln wir den Numerus (Zahlform) zum Plural (Mehrzahl), so erhalten wir die Endung -en (Florian und Helene lieb-en sich). Bilden wir den Konjunktiv (die Möglichkeitsform), schrumpft die Endung auf ein -e: In der Zeitung stand, Florian lieb-e Helene. Wenn man schließlich die Zeitstufe (das Tempus) verändert, bekommt man im Präteritum (Vergangenheit) die Form „lieb-te“, was im Hinblick auf Florian Silbereisen und Helene Fischer wohl am ehesten die Wahrheit zu treffen scheint. Elemente wie -t, -st, -en, -e und -te, die mehrere grammatische Informationen enthalten, bezeichnet man als „Flexive“.

Ich bitte um Nachsicht für die Flut der Fachbegriffe, die ich systematisch einordnen und erklären wollte. Um damit fortzufahren: Die Flexion der Verben (Zeitwörter) wird Konjugation genannt, während die Beugung der Substantive (Hauptwörter), Adjektive (Eigenschaftswörter) und Pronomen (Fürwörter) der Deklination nach Numerus und Kasus (Fall) unterliegt. Auch die Deklination fällt unter den Oberbegriff „Flexion“.

Die Flexion ist stark zurückgefahren worden

Je weiter man in der deutschen Sprachgeschichte zurückgeht, desto reichhaltigere Flexionssysteme trifft man an. Im Laufe der Zeit ist die Flexion stark zurückgefahren und vereinfacht worden. Das Englische, das mit dem Deutschen auf eine gemeinsame germanische Vorstufe zurückgeht, hat diesen Prozess noch weiter vorangetrieben. Während im Deutschen nach wie vor lieb-e, lieb-st, lieb-t, lieb-en, lieb-t, lieb-en konjugiert wird, existieren im Englischen nur zwei Personalendungen. Lediglich die 3. Person Singular (Einzahl) hat eine Endung (she love-s you), alle anderen Personalformen sind endungslos und lauten „love“.

Allerdings kommen wir bei vielen Verben mit der Flexion der Endung nicht aus. Zwar bilden die meisten deutschen Verben die Vergangenheitsform durch den Einschub eines -t- zwischen Stamm und Endung (er lieb-t-e) und das Parti-zip II durch das Präfix (Vorsatz) ge- mit der Endung -t (ge-lieb-t), aber bei einer Vielzahl von Verben ist das anders. Sie ändern den Stammvokal und bilden das Partizip II zumeist mit der Endung -en (singen, sang, ge-sung-en). Die Stammvokale lauten von „i“ über „a“ zu „u“ ab. Eine solche Änderung des Stammvokals wird „Ablaut“ genannt.

Diese „unregelmäßigen“ Verben, deren Form auf das Indogermanische zurückgeht, nannte Jacob Grimm, der ja nicht nur Märchen erzählte, sondern mit seinem Bruder Wilhelm die Germanistik begründete, „starke Verben“. Die Verben, die „regelmäßig“ ohne Ablaut flektiert werden, heißen dementsprechend „schwache Verben“. Die schwachen (regelmäßigen) Verben benötigen nur eine einzige Flexionstabelle, die starken (unregelmäßigen) Verben füllen aber ein ganzes Buch mit Grammatiktabellen auf 256 Seiten (Duden-Taschenbuch).

deutschstunde@t-online.de