Meinung
Kolumne Sportplatz

Vom großen Glück, ins Fußballstadion zu gehen

Iris Mydlach, stellvertretende Leiterin des Sport-Ressorts beim Hamburger Abendblatt

Iris Mydlach, stellvertretende Leiterin des Sport-Ressorts beim Hamburger Abendblatt

Foto: Mark Sandten

Heimspiel ist, wenn alle kommen: Bratwurst, Bierdusche und Bengalos sind toll. Aber da ist noch mehr.

Jetzt fängt die Zeit wieder an. Wo man schon beim Aufstehen überlegt, wie man am besten hinkommt, mit der Fähre oder dem Rad, ob man schon auf dem Weg nass wird oder doch erst im Stadion. Was man am besten anzieht, um nicht schon gleich in der ersten Halbzeit zu frieren. Es gibt ein Wort, das all diese Fragen umschreibt, für mich gehört es zu den schönsten der deutschen Sprache: das Spieltagsgefühl.

Das Spieltagsgefühl stellt sich meist schon nach dem Aufwachen ein und hält bis in den Abend, manchmal darüber hinaus. Es ist eine Art Zauber, der sich über den Tag legt, der sich einfach nicht brechen lässt.

Spieltag: ein spezielles Gefühl auf dem Weg ins Stadion

Ich bin vor fünf und vor drei Jahren Mutter geworden; die Tage, die ich seitdem im Stadion verbracht habe, kann ich an einer Hand abzählen. Aber vor zwei Wochen war es mal wieder so weit. Ich habe die Tür hinter mir zugezogen, mich auf den Weg gemacht, war erst allein, dann unter Tausenden – ein winziger Teil von etwas ganz Großem, das ich bis heute nicht in Worte fassen kann. Aber von dem ich inzwischen zumindest so viel verstanden habe: Es hat viel damit zu tun, dass man am Spieltag einfach da ist. Körperlich und geistig, an genau diesem Ort, zu genau dieser Zeit.

Ein Nachmittag im Stadion ist echt und direkt. Man muss einen Weg hinter sich bringen, normalerweise ab Anfang Oktober gegen Wind und Wetter anradeln, und bald wird man selbst beim Stehen und Hüpfen auch frieren, das dauert bestimmt nicht mehr lang.

Vereinzelung? Dem Fußball kann das nicht passieren

Heimspiel ist erst, wenn alle kommen. Wenn alle singen. Wenn die Länderspielpause vorbei ist. Wenn alle sich wieder konzentrieren auf das, was unten auf dem Feld passiert, das so anders aussieht, wenn man alles selbst im Blick behalten muss und nicht gelenkt wird von Kameras und Kommentaren. Nichts gescriptet wird von einer künstlichen Intelligenz. Sehr viele Dinge geschehen inzwischen im Digitalen und damit in der Vereinzelung, aber dem Fußball im Hier und Jetzt kann das nicht passieren.

Zum Fußball muss man nach wie vor hin. Jedenfalls dann, wenn man ein Spiel nicht nur sehen, sondern vor allem erleben möchte, mit Bratwurst, Bierdusche und Bengalos. Jeder Spieltag ist eine fest installierte, immer wiederkehrende Verabredung zwischen Mannschaft und Fans, die nicht verschiebbar ist, über keinen Messenger-Dienst dieser Welt. Wenn Matchday ist, dann ist Matchday. Für die Fans und für die Spieler. Egal ob drinnen oder draußen, ob Fußball, Handball oder Rollstuhl-Rugby. Und ganz egal, auf welchem Fleck dieser Welt man gerade ist.

Owetschkins Foto neben meinem Bett

Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, im Sommer 2018, als das Eishockey-Team der Washington Capitals sich aufmachte, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte den Stanley Cup zu gewinnen, die wichtigste Trophäe in diesem Sport im amerikanischen Eishockey. Sie waren kurz davor. Aber weil sie schon sehr oft kurz davor standen, war niemand siegesgewiss, sondern einfach nur euphorisch. Und weil die Euphorie am Ende nicht mehr zu stoppen war, fuhren einige Spieler tatsächlich mit der U-Bahn zum entscheidenden Spiel, begleitet von ihren Fans. Was muss das für ein Spieltagsgefühl gewesen sein.

Darum habe ich die Caps-Fans beneidet. Natürlich auch um den wunderschönen Pokal, den das Team um den Russen Alexander Owetschkin dann wirklich gewann. Seitdem hängt ein Foto des jubelnden Owetschkin neben meinem Bett. Wenn ich morgens die Augen kaum aufbekomme, aber der Wecker im Smartphone trotzdem gnadenlos nervt, schaue ich einfach in sein Gesicht. Ist vielleicht ein bisschen schlicht. Aber hilft wirklich immer.

An Sonnabend spielt der FC St. Pauli sein fünftes Heimspiel dieser Saison. Eigentlich ein ganz normales Spieltagsgefühl – obwohl es doch ein wenig anders kommen wird. Denn die Mannschaft, das hat der Verein in dieser Woche bekannt gegeben, kommt mit dem HVV ans Millerntor – in einem über Brennstoffzellen angetriebenen Batteriebus der Hochbahn. Gut, Fans begleiten sie dabei nicht. Aber auch die können den HVV kostenlos nutzen. Am Ende für alle ein gutes Gefühl.