FC St. Pauli

Drohungen von Ultras: Talk mit Senator ohne Publikum

Innensenator Andy Grote (SPD) an der Seite von St. Paulis Präsident Oke Göttlich im Millerntor-Stadion.

Innensenator Andy Grote (SPD) an der Seite von St. Paulis Präsident Oke Göttlich im Millerntor-Stadion.

Foto: Witters

Fans des FC St. Pauli demonstrieren gegen Auftritt von Andy Grote und DFB-Vizepräsident Rainer Koch. Polizeieinsatz am Millerntor.

Hamburg. Nur rund drei Stunden vor dem geplanten Beginn der mit Spannung erwarteten und prominent besetzten Podiumsdiskussion im Ballsaal Süd des Millerntor-Stadions sahen sich der veranstaltende Fan-Club „fairnetzer.1910“ und der FC St. Pauli gezwungen, die Öffentlichkeit von dieser Veranstaltung auszuschließen. Entscheidender Grund für den kurzfristigen Entschluss waren Drohungen der offenbar sehr einflussreichen Ultra-Fangruppierung USP.

Diese hatte bereits vor Tagen hart kritisiert, dass Hamburgs Innen- und Sportsenator Andy Grote, der selbst Mitglied des FC St. Pauli ist, und DFB-Vizepräsident Rainer Koch als Podiumsgäste eingeladen worden waren. Zudem nahmen die Ultras Anstoß daran, dass die Diskussionsrunde in einem Raum stattfindet, der sich auf „ihrer“ Tribüne befindet.

St.-Pauli-Ultras demonstrieren gegen Grote und DFB

Trotz der Ausladung fanden sich rund 500 Fans vor der Südtribüne ein und skandierten: „Andy Grote, raus aus dem Viertel“ und „Fußball-Mafia DFB“. Sie entrollten ein Spruchband mit der Aufschrift „Nein zum Polg-Hh!!!“ (Polizeigesetz Hamburg). Zudem gab es einen Feueralarm, der sich aber als Fehlalarm herausstellte – die Feuerwehr zog nach wenigen Minuten wieder ab.

Zur Erklärung: Bei den Heimspielen sind die Ultras auf den Stehplätzen der Südtribüne versammelt. Auf dieser Tribüne befinden sind allerdings auch Sitzplätze, Business-Seats und Logen sowie die Geschäftsstelle und als großer VIP-Bereich der „Ballsaal“, in dem die Podiumsdiskussion öffentlich stattfinden sollte.

Utras drohten mit Störung der Diskussionsrunde

„Das Ziel, heute Abend über neue Werte im Fußball zu diskutieren, sehen wir in der ursprünglichen Form stark gefährdet, denn durch die Intervention und den Protest von verschiedenen Fangruppierungen und nun auch durch politische Gruppen sehen wir einen reibungslosen Ablauf der Podiumsdiskussion nicht mehr gewährleistet und können sie daher aus Sicherheitsgründen nicht wie geplant durchführen“, begründete Joachim Weretka, Mitglied bei „fairnetzer.1910“.

Die Ultras hatten bereits zu Wochenbeginn aufgefordert, „die Veranstaltung entsprechend zu begleiten“, wenn Grote und Koch nicht ausgeladen werden oder ein anderer Ort gewählt wird.

St. Pauli bedauert Ausschluss der Öffentlichkeit

St. Paulis Präsident Oke Göttlich, der auch als Podiumsgast vorgesehen war, sagte: „Das Präsidium bedauert die Entscheidung, denn der FC St. Pauli steht für eine offene und tolerante Diskussionskultur und wird sich auch weiterhin in Gesprächen und Diskussionen mit in Teilen der Öffentlichkeit kontrovers gesehenen Menschen sachlich und kritisch auseinandersetzen und im Sinne der Inhalte von wichtigen sportpolitischen Themen agieren.“

Weitere Podiumsgäste waren HSV-Sportvorstand Jonas Boldt, Sport-Moderator Gerhard Delling und Annika Rittmann von der Klima-Initiative „Fridays for Future.“ Die Diskussionsrunde sollte am Donnerstagabend trotz allem ohne Publikum stattfinden und aufgezeichnet werden.

Polizei sperrt Straßen rund ums Stadion

Vor und während der Veranstaltung kam es auf St. Pauli zu einem Großeinsatz der Polizei, der nach Angaben des Lagezentrums auch mit der Veranstaltung im Stadion in Zusammenhang stand. Im Bereich Sternschanze/St. Pauli nahmen am Abend zudem 450 Teilnehmer an einer Demonstration gegen den Angriff der Türkei auf Syrien teil.