Meinung
Zwischenruf

Mobbing per Nachlass – von den Toten nur Schlechtes

Der Autor ist stellvertretender Leiter des Lokalressorts.

Der Autor ist stellvertretender Leiter des Lokalressorts.

Foto: Andreas Laible / HA

Gemeinheiten über die Mitmenschen in Worte zu fassen, das ist keine Erfindung des Internetzeitalters.

Hamburg. Wenn der Spott beißend, die Satire völlig respektlos und die Grenze zum guten Geschmack überschritten wird, dann befinden wir uns: nein, nicht im Internet, sondern tief im 19. Jahrhundert. Die nun zu lesende kleine Geschichte zählt also durchaus zu den alten, in diesem Fall sogar den Oberalten – so hieß das Hamburger „bürgerliche Kollegium“, das es seit 1529 gab und politisch bis 1860 höchst einflussreich, um nicht zu sagen: mächtig war.

Der gebürtige Franzose Jakob Gallois (1793–1872), ein hoch angesehener Lehrer am Johanneum, hielt allerdings nicht allzu viel von diesen „Überalten“, wie sie gern genannt wurden. Er schrieb folgende Zeilen über sie:

Was ein Hamburger Lehrer von den "Überalten" hielt

„Es handelt sich um eine Gesellschaft von Invaliden, eine Sammlung von Perücken, einen Rosenkranz von Einfaltspinseln: Es sind antike, beratende und verdauende Nullen. Man muss schon die Gicht haben und ein Hinfälligkeitspatent, um hineinzugelangen. (...) Diese Herren werden dafür bezahlt, dass sie nichts tun, und dies ist die einzige Tätigkeit, die sie in angemessener Weise ausüben. (...) Damit man sich eine Vorstellung von den Qualitäten dieser Sabberer macht, muss ich von einem Vorfall berichten: Ein Oberalter begeht, was ich höflicherweise eine geschäftliche Unachtsamkeit nennen möchte. Die Kollegen sehen sich vor folgendes Dilemma gestellt: Ist er normal, so ist er schuldig und muss aus der Körperschaft ausgestoßen werden; anderenfalls ist er würdig, zu bleiben. Und er ist geblieben.“

Dem bleiben nur zwei Dinge hinzuzufügen: Gallois’ Text wurde erst posthum veröffentlicht (sonst wäre er seine Stelle wohl losgeworden); und auch heute noch gibt es Oberalte, die verdienstvollerweise das Kuratorium des Hospitals zum Heiligen Geist bilden – sie mögen Milde walten lassen.