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Vorsicht vor Hysterie: Demokratie gilt auch im Klimanotstand

In Zeiten des Treibhauseffektes muss die Gesellschaft kompromissbereit bleiben.

Wer die Welt verstehen will, muss lesen; für einen schnellen Überblick reicht der Besuch im Buchhandel. Es dauert nur wenige Monate, bis findige Verlage große Debatten zwischen zwei Buchdeckel bannen – derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Neuerscheinungen eindringlich und immer schriller vor dem Klimawandel oder gleich dem Weltuntergang warnen.

In „Die unbewohnbare Erde“ schwadroniert David Wallace-Wells über eine Million Klimaflüchtlinge aus Syrien, die nach Europa kamen (und wir dachten, Assad und der Krieg seien schuld!). Nun erscheint „Die taumelnde Welt“ von Bill McKibben, der laut Verlag „im Jahr 1989 als einer der ersten vor dem Klimawandel“ warnte. 1989 als einer der Ersten? Die Hunderttausende vor ihm hat man wohl übersehen.

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Fakt ist: Das Klimathema bewegt die Nation. Und das ist gut so. Viel zu lange ist viel zu wenig passiert; Deutschland hinkt den selbst gesteckten Zielen hinterher, zugleich sind die jüngsten Erkenntnisse der Klimaforscher besorgniserregend. Das alles sind Treiber einer emotionalen Debatte. Und dass die Schüler bei „Fridays for Future“ emotional argumentieren, kann nur kritisieren, wer nie jung war. Doch die Gesellschaft und erst recht die Politik sollte sich nicht eins zu eins dieser Emotion, ja Hysterie hingeben. Der Treibhauseffekt mag sich in einer Ökodiktatur leichter lösen lassen – doch auch dafür wird eine Welt geopfert: die Welt, die wir Demokratie nennen. Der Wandel muss demokratisch organisiert werden.

Polarisierung in SUV-Fahrer und Umweltschützer

Die Polarisierung der Gesellschaft in SUV-Fahrer und Umweltschützer, in Fleischesser und Veganer bringt keinen weiter. Es geht um Mehrheiten. Und es geht um Wahrheiten. Die Deutsche Bank hat vor einigen Tagen die Studie „Mythen der Verkehrswende: Wenn das Saubere vom Himmel versprochen wird“ veröffentlicht. Sie liefert Zahlen, die einfache Antworten entzaubern. Und sie liefert Fakten, die das Problem ausleuchten: Ein klimaneutraler Verkehr sei mit den heute verfügbaren Technologien und angesichts des globalen Verkehrswachstums illusorisch. „Wegen ihrer hohen Energiedichte sind fossile Kraftstoffe vorerst schwer zu schlagen“, heißt es da. „Individuelle Mobilität zählt zur DNA einer freiheitlichen Gesellschaft. An der Einschränkung von Mobilität bzw. Reisefreiheit sind diktatorische Regime zerbrochen.“ Steuert eine Regierung Verkehr über den Preis, werden sozial Schwächere im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst; setzt sie auf Verbote, riskiert sie ihre Wiederwahl. Viele Wähler fordern: Wasch mir den Pelz – aber mach mich nicht nass. Verzicht zu fordern ist leicht, Verzicht zu leben dagegen schwierig. Bus statt SUV, Ostsee statt Südsee, Steckrüben statt Avocado – da werden viele Menschen murren.

Jetzt rächt sich unsere lange Trägheit. Aber Klimaschutz kann nur über Kompromisse erfolgreich sein. So wie beim Braunkohleausstieg. Unter Klimagesichtspunkten hätte eine kluge Energiewende erst die Kohle- und dann die Kernkraftwerke stillgelegt. Die CO2-Bilanz der Kohle ist finster, die des Atomstroms gut – so gut, dass sogar die für manche göttergleiche Greta sich dafür aussprach. Die Deutschen haben 2011 anders entschieden – weil Umweltverbände sich lange auf den Atomausstieg fokussierten und weil ein Tsunami in 9000 Kilometern Entfernung unser Handeln bestimmt hat.

Politiker haben auch soziale Folgen im Blick

Die Politiker hatten aber auch die sozialen Folgen im Blick: Bislang macht Braunkohle, die komplett im Land gefördert wird, 22,5 Prozent der Stromerzeugung aus. Wenn wir sofort aus der Braunkohle aussteigen, gehen in Deutschland nicht die Lichter aus, möglicherweise aber in den Fördergebieten wie der Lausitz. Das ist der Grund, warum die Fristen bis 2038 reichen – und warum 40 Milliarden Euro in die betroffenen Regionen fließen. Das mag manchem zu langsam, zu uninspiriert, zu wenig radikal sein – es ist aber das, was das Land glücklich und friedlich gemacht hat: Man nennt es Demokratie.

Politik in Zeiten der Klimakrise gleicht der Quadratur des Kreises: Es muss darum gehen, die Ängste der Jugend und die Sorgen der wirtschaftlich Abgehängten in den Blick zu nehmen, eine effiziente Klimaschutz- und eine besonnene Wirtschaftspolitik zugleich zu betreiben. Turbulent wird es allemal. Diese Herausforderung für die Demokratie wird nur gelingen, wenn alle Kurt Tucholsky beherzigen: „Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte recht haben.“