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Jatta für Deutschland – was erlauben Kuntz?

Kai Schiller ist HSV-Chefreporter beim Hamburger Abendblatt

Kai Schiller ist HSV-Chefreporter beim Hamburger Abendblatt

Foto: Michael Rauhe / HA

Ist es wirklich eine gute Idee, HSV-Profi Jatta nach all dem Theater zum Nationalspieler zu machen? Ja, eine sehr gute!

Die Fakten vorweg: Bakery Jatta ist in Gunjur im westafrikanischen Gambia geboren. Er kam vor vier Jahren als Flüchtling nach Deutschland, kann mittlerweile einigermaßen Deutsch. Das Verstehen klappt, mit dem Sprechen tut er sich noch schwer. Am allerbesten klappt es mit dem Fußballspielen. Beim HSV. Und geht es nach U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz, dann bald auch für Deutschland.

Stellt sich nur die Frage: Was soll das? Warum soll ein 21 Jahre alter Afrikaner, der sich nach eigener Aussage bis vor vier Jahren nichts unter Deutschland vorstellen konnte, nun plötzlich für die Nationalmannschaft spielen?

Die Frage ist durchaus berechtigt. Denn: Eine Nationalmannschaft hat vor allem etwas – das sagt schon der Name – mit der eigenen Nationalität zu tun. Auch wenn man in den vergangenen Jahren oft den Eindruck bekommen konnte, dass für viele das Nationalteam eher wie eine Clubmannschaft ist. Besonders Fußballer mit Migrationshintergrund sind fleißig in den Nachwuchsnationalmannschaften hin und her gewechselt. Der in Deutschland geborene HSV-Profi Berkay Özcan spielte in der U15 des DFB und anschließend für alle U-Teams der Türkei. Der gebürtige Hamburger Lukas Nmecha durchlief dagegen alle Auswahlmannschaften Englands, ehe er sich nun für Deutschlands U21 entschied.

Krasser waren die Fälle von Paulo Rink und Sean Dundee. Der Brasilianer Rink hatte keine Chancen in der Seleção, sollte aber Deutschlands Sturmsorgen lindern und hatte sogar einen deutschen Urgroßvater. Den hatte der Südafrikaner Dundee nicht. Aber er konnte Tore wie am Fließband schießen. Und das reichte den damaligen Verantwortlichen.

Und jetzt Jatta?

Die überraschende Antwort: Ja, jetzt erst recht Jatta! Denn der Fall des Flüchtlings ist anders. Der Wahl-Hamburger hat seine Heimat nicht verlassen, weil er in Deutschland als Nationalspieler Millionen scheffeln wollte. Er hat Gambia verlassen, weil sich dort seit dem Jahr 2014 die Berichte über Menschenrechtsverletzungen häuften, über Folter, Hinrichtungen und die Verfolgung von Minderheiten wie Homosexuellen. Im Dezember 2015 rief Ex-Präsident Yahya Jammeh die „Islamische Republik Gambia“ aus und beschloss die Scharia als Gesetzgebung.

Jatta, das ist in den vergangenen Wochen leider zu kurz gekommen, hat alles aufgegeben, um nach nach Deutschland zu kommen. Er hatte gute Gründe, durch die Sahara und über das Mittelmeer zu flüchten – und diese guten Gründe hatten nichts mit Fußball zu tun.

Nun ist er in Deutschland. Dem Abendblatt sagte Jatta vor Kurzem: „Ich bin nach Deutschland gekommen, habe neue Freunde, die Stadt und das Land kennen- und schätzen gelernt. Mir wurde hier ein ganz neues Leben geschenkt.“

Dieses kleine Glück, für Jatta das größte Glück, war zuletzt in Gefahr. Der Neu-Hamburger musste sich erklären, wurde beschimpft, ausgepfiffen, beschuldigt. Viele, zu viele, fabulierten von Abschiebung und sogar von Gefängnis. „Ich habe mein Glück gefunden“, hatte Jatta gesagt, bevor ihm dieses genommen werden sollte.

Willkommen im 2019-Deutschland! Und zur Wahrheit gehört auch, dass der Deutsche Fußball-Bund ebenfalls in der Causa Jatta eine unrühmliche Rolle spielte. Von Integration, respektvollem Zusammenleben und der Kraft des Fußballs war plötzlich nicht mehr die Rede. Bis Dienstag, als U-21-Trainer Stefan Kuntz als erster höherrangige DFB-Vertreter in wenigen Sätzen so viel sagte. Er sprach von einer „unsäglichen Diskussion“ und sagte, dass er Jatta bei der Einbürgerung helfen und vom deutschen U-21-Nationalteam überzeugen wolle.

Tatsächlich wäre Jatta (neben Dortmunds Mo Dahoud) der erste Flüchtling in der Nationalmannschaft. Er wäre ein Vorbild. Er wäre ein Beispiel. Und er wäre fast auf den Tag vier Jahre nach dem vielzitierten Merkel-Satz „Wir schaffen das“ das beste Beispiel dafür.

Und wenn auch nur ein einziger dadurch zur Überzeugung gelangt, dass uns nicht jeder Flüchtling Angst machen muss, ein Islamist, Terrorist oder Schwerkrimineller ist, dann ist nicht viel gewonnen. Dann ist alles gewonnen.