Meinung
Zwischenruf

Die Spiele seines Lebens – in einer grünen Aktenmappe

Die Mappe trägt den Titel "Verschiedenes" – in ihr die millimetergenau eingeklebten Erinnerungen eines Vaters an seinen Jüngsten.

Die grüne Aktenmappe trägt den Titel „Verschiedenes“, notiert in steilen Druckbuchstaben. Selbst mit einer Schablone hätte ich dies nicht so schön hingekriegt wie mein Vater, Verwaltungsangestellter, mittlerer Dienst.

Wir entdeckten den Hefter beim Aufräumen zwischen der Urkunde in „Anerkennung für 40 Jahre treue Mitgliedschaft in der Gewerkschaftsbewegung“ und dem Dankesschreiben des Wasser- und Schifffahrtsamtes für die der „Bundesrepublik Deutschland geleisteten treuen Dienste“. In der Mappe hatte mein Vater die Eintrittskarten für die Fußballspiele, zu denen ich ihn eingeladen hatte, millimetergenau eingeklebt. HSV gegen Bayern 1994, Gladbach gegen Frankfurt 1991 oder Deutschland gegen Italien bei der EM 1988 in Düsseldorf.

Was bleibt, sind Erinnerungen – und eine grüne Aktenmappe

Ich weiß nichts mehr von diesen Spielen, müsste die Ergebnisse googeln. Aber ich erinnere noch genau, wie Papa die Ordner immer bat, die Karten ja ordentlich abzureißen. Wie viel ihm die Stadionbesuche mit seinem Jüngsten bedeutet haben müssen, wird mir erst jetzt beim Blättern bewusst. Und ich denke, warum habe ich ihn nicht öfter eingeladen. Ich wusste doch seit den gemeinsamen „Sportschau“-Zeiten Ende der 60er vor dem alten Grundig-Kasten, dass wir diese Leidenschaft teilen. Aber irgendwie war was anderes fast immer wichtiger. Und so wurden es nur eine Handvoll Spiele, dazu Besuche im „ran“-TV-Studio, bei den Karl-May-Festspielen in Elspe und die obligatorische Hafenrundfahrt in Hamburg. Auch dieses Ticket hat mein Vater eingeklebt.

Auf den Tag genau vor 20 Jahren ist er eingeschlafen. Was bleibt, sind Erinnerungen. Und eine grüne Aktenmappe.