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Kommentar

Autofrei? Warum das viele Menschen ausschließt

Norman Raap Redakteur Hamburger Abendblatt 

Norman Raap Redakteur Hamburger Abendblatt 

Foto: Norman Raap / Raap

Wer alt, krank oder in der Mobilität eingeschränkt ist, kann sich nicht aufs Fahrrad schwingen. Was außerdem gegen "autofrei" spricht.

Eines vorweg: Ich mag autofreie Sonntage wie beim Marathon und den Cyclassics. Endlich keine Abgase mehr einatmen, endlich unbedrängt Rad fahren, endlich in Ruhe auf dem Balkon sitzen. Als Anwohner einer Hauptstraße am Rande der City genieße ich diese Auszeit. Aber: Unter der Woche gibt es (noch) keine Alternative zum Auto in der Stadt, jedenfalls nicht für alle Hamburger.

Wer alt, krank, gehbehindert oder anders in seiner Mobilität eingeschränkt ist, kann sich nicht mal eben aufs Fahrrad schwingen. Schlimmer noch: Gerade für Rollstühle und Rollatoren erweisen sich unebene Bürgersteige und überfüllte Busse ebenso wie angeblich „barrierefreie“ Züge schnell als unüberwindbar. Denn solange nicht alle U- und S-Bahn-Stationen Aufzüge haben, die zuverlässig fahren und frei von Uringestank sind, scheidet der HVV als Pkw-Ersatz aus.

Autofrei? Zu viele Ausnahmen wären nötig

Daher müsste eine „autofreie“ City mit großzügigen Ausnahmen für diese Menschen verbunden sein – inklusive Angehörige und Betreuer. Ganz zu schweigen von Ärzten, Pflegediensten und Therapeuten, die Hausbesuche machen. Taxis dürften natürlich ebenso in die Sperrzone wie andere öffentliche Fahrdienste und HVV-Dieselbusse. Auch der Handel verlangt zu Recht, dass Lieferanten und Paketdienste bis vor die Ladentür fahren und Kunden ihren neuen Fernseher per Auto abholen können.

Baufirmen und Handwerker benötigen ebenso eine Ausnahmegenehmigung wie die Müllabfuhr, Krankentransporte, Polizei, Feuerwehr, Filmteams, Straßenreinigung, Hotelgäste und Umzugshelfer, Eis- und Abschleppwagen. Und erst die Anwohner, die viel Geld für einen Garagenplatz bezahlt haben und nicht selten darauf angewiesen sind, pflegebedürftige Eltern von A nach B zu chauffieren, weil es die einzige Möglichkeit ist.

Abendliche Fußgängerzonen: Töter geht's nicht

Wie viele – oder: wie wenige – Autobesitzer wären dann überhaupt von einem Verbot betroffen? Zumindest keiner, der Parkhäuser ansteuert, denn diese haben Bestandsschutz. Wer glaubt, dass Fußgängerzonen die City am Abend beleben, der möge nach 20 Uhr einmal die Spitalerstraße oder die Passagen aufsuchen: Die sind so tot – töter geht’s nicht.

Die City braucht ein Verkehrskonzept, das alle Bürger mitnimmt. Nicht nur Ärztehäuser und Hörgeräteakustiker müssen erreichbar bleiben, sondern auch Restaurants, Theater, Kinos und Konzerthäuser, denn gebrechliche alte und immobile junge Menschen sowie ihre Angehörigen haben das gleiche Recht, die Lebensqualität der Stadt zu genießen. Ein Fahr- oder Parkverbot wäre ihnen gegenüber arrogant und diskriminierend.

Die Lösung ist nah: Schon jetzt werden in der HafenCity fahrerlose Minibusse getestet, die in Zukunft so effizient von Tür zu Tür rollen, dass sie den Pkw-Verkehr ersetzen könnten. Dann würde die Innenstadt von ganz allein frei von Privatautos werden. Ohne Verbote. Ohne Bevormundung. Und nicht nur sonntags.