Meinung
Kommentar

Der CSD ist wichtiger denn je

Die Toleranz gegenüber dem Anderssein hat nachgelassen.

Es war eine kleine Szene, von der die Anwesenden damals kaum dachten, damit eine Bewegung auszulösen. Doch 50 Jahre, nachdem sich schwule und lesbische Besucher in einer Bar in der New Yorker Christopher Street gegen eine Polizeikontrolle wehrten, ist der Christopher Street Day (CSD) zu einer Institution geworden. Mehr als 200.000 Menschen werden am Sonnabend gegen Diskriminierung in Hamburg demons­trieren; gestern hissten Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit, Justizsenator Till Steffen und Katharina Fegebank am Rathaus die Regenbogenflagge. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin erklärte, Hamburg stehe für Pluralität und Vielfalt, Steffens mahnte: „In Zeiten, in denen vom rechten Rand Hass gesäht wird, stehen wir zusammen gegen Ausgrenzung.“

Leider scheint es so, dass die Toleranz gegenüber Homosexuellen in den letzten zwei, drei Jahren nachgelassen hat. Wir haben Hamburger interviewt, die davon berichten, plötzlich wieder als „Schwuchteln“ beschimpft zu werden. Die geschlagen und bespuckt wurden aufgrund ihres Andersseins. Die sich fast umgebracht hätten, weil ihr Umfeld keinerlei Akzeptanz zeigte (Videos der ausführlichen Interviews finden Sie auf dem Instagram-Account @abendblatt).

Der Rückschritt in ein vergessen geglaubtes Denken zeigt, dass die AfD, die als einzige Partei im Bundestag die Ehe für alle wieder abschaffen will, doch mehr Einfluss hat, als viele annehmen (wollen), und dass wir uns die Musik, die unsere Kinder feiern, genauer anhören sollten. Viele Songs sind frauen-, schwulen- und ausländerfeindlich. Es gehört zum guten Ton, alles außerhalb der Norm zu dissen. Dabei gibt es doch nur eine Sache, die man nicht tolerieren sollte: Intoleranz.

Der CSD ist erst in zweiter Linie eine Party. Er ist vor allem eine Erinnerung an uns alle, Offenheit und Vielfalt einer Gesellschaft keineswegs als selbstverständlich zu erachten.