Meinung
Kommentar

Wer will da noch Politiker werden?

Morddrohungen, Pöbeleien, Hetze – es ist unerträglich.

Nennen Sie mir einen Grund, warum man heute Politiker werden soll! Na, fällt Ihnen einer ein? Oder müssen Sie sofort an all das denken, was dagegenspricht? Die langen, unberechenbaren Arbeitszeiten, in der Woche genauso wie am Wochenende. Die ständige Bereitschaft unter ebenso ständiger Beobachtung. Die Bezahlung, die in Ordnung ist, aber nicht überragend. Und, natürlich: die bösen Sprüche in den sozialen Medien, die in Teilen immer asozialer werden. Häme, Hass, Drohungen – und damit nicht genug: Politiker zu sein ist im schlimmsten Fall lebensgefährlich.

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke ist anscheinend aus politischen Gründen ermordet worden. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette­ Reker, die schon einmal Opfer eines Anschlags war, hat genauso Morddrohungen erhalten wie etliche andere Politiker aus Deutschland. Es ist widerlich, abstoßend und kaum auszuhalten.

„Jedes Volk hat die Regierung, also die Politiker, die es verdient“, heißt es. Das stimmt, und das ist keine gute Prognose. Denn wenn Bürger weiter wie oben beschrieben mit ihren Politikern umgehen, dann werden immer weniger Lust haben, Politiker zu sein. Schon jetzt kann man fast täglich in Lokal­zeitungen davon lesen, dass es für Bürgermeisterposten – wenn überhaupt – nur einen Kandidaten gibt, dass wichtige Ämter nicht oder nur schwer besetzt werden können. Wundert das jemanden? Politik war und ist ein zähes Geschäft, das bringt unsere Staatsform so mit sich. Demokratie braucht Zeit, Demokratie verlangt ein Ringen um Kompromisse, in das möglichst viele einbezogen werden sollen. Durchregieren kann man vielleicht in einem Unternehmen, wenn es einem gehört – in der Politik verbietet sich das. Der eigene Gestaltungsraum ist begrenzt, die Macht der Politiker ist es bewusst auch: Unter diesen Bedingungen zu arbeiten wäre schon dann nicht einfach, wenn man nicht jede Minute mit dem nächsten Shitstorm im Netz rechnen müsste.

Denken wir den Satz mit dem Volk und seinen Politikern weiter, dann gilt auch: Der Umgang der Bürger mit ihren Politikern sagt viel über den Zustand eines Landes und einer Demokratie aus. In Deutschland haben wir da mindestens eine Grenze erreicht, wenn nicht überschritten. Für einen leider größer werdenden Teil von Menschen scheinen die Regeln von Anstand und Höflichkeit nicht mehr zu gelten, wenn sie auf Politiker treffen. Die Anonymität des Internets tut das Weitere: Nie war es so leicht, Politiker zu beschimpfen, zu bedrohen oder einfach etwas zu behaupten, das nicht stimmt.

Wenn wir so weitermachen – die einen, die pöbeln, die anderen, die dagegen nichts unternehmen –, werden wir bald wirklich die Politiker haben, die wir verdienen: nämlich keine. Oder, noch schlimmer, solche, die auf alles eine einfache Lösung haben, die selber pöbeln und sich auf demokratische Rechte berufen, gegen die sie in Wahrheit kämpfen. „Wehret den Anfängen“ heißt es ja auch, aber diesen Zeitpunkt haben wir leider verpasst. Wir müssen nun aufpassen, dass es so nicht weitergeht, müssen Politiker schützen, genauso loben wie kritisieren. Sie übernehmen eine Aufgabe, der man sich täglich stellen und standhaft sein muss – und ohne die es dieses Land in seiner jetzigen Verfassung nicht gäbe. Will sagen: Die Politiker, gerade jene in den Gemeinden und Städten, aber natürlich auch die hartgesotteneren in Berlin, verdienen ein Volk, das ihnen Respekt und Höflichkeit entgegenbringt. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein.