Meinung
Sportplatz-Kolumne

Wenn der Papst und Gianni Infantino Zeichen setzen

Heute beginnt die 8. Frauenfußball-WM in Frankreich – und immer noch wird über den sportlichen Wert diskutiert.

Neulich in einer Sportredaktion. Themenbesprechung. Die Frauen-WM im Fußball beginnt, sagt jemand. Wir sollten uns ein paar große Geschichten gönnen. Warum, fragt ein anderer. Das interessiert doch keinen.

Kürzlich der Papst. Franziskus (82) ist seit Kindertagen Fan des argentinischen Erstligisten Atletico San Lorenzo de Almagro. Und natürlich gibt es eine Männermannschaft im Vatikan. Seit 30 Jahren schon. Mitglieder der Schweizergarde, Postangestellte und Polizisten spielten gestern gegen das deutsche Nationalteam der Winzer. Ergebnis egal. Hauptsache Spaß. Nun hat der oberste Chef zur Gründung einer Frauenmannschaft im italienischen Kirchenstaat seinen Segen gegeben. 20 Mitarbeiterinnen, Ehefrauen und Töchter von Angestellten trainieren gleich neben dem Petersdom. Ihr Anliegen: Zeichen setzen gegen die Unterdrückung von Frauen weltweit.

Derzeit auf YouTube. Drei grimmige Frauengesichter. Weißt du eigentlich, wie ich heiße, fragt die Erste. Und ich, fragt die Zweite. Hmmm, genau, sagt die Dritte. Sprecherin aus dem Off: Uns kennt ja niemand in Deutschland. Am Ende kommt raus: Sponsor Commerzbank hat den kessen Werbespot der deutschen Frauen-Nationalmannschaft spendiert, damit die – zu Recht – selbstbewusst und selbstironisch sagen können: Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze. Ihre Botschaft: Uns sind eure Vorurteile egal.

Diesen Sonnabend ist es so weit: Im französischen Rennes trifft das Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg auf China, den WM-Erstrundengegner. Die Aufgabe für dieses Spiel und die folgenden ist klar: Möglichst weit kommen. Denn es gilt etwas zu vertei­digen. Weltweit zählt die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft zu den Besten. Nebenbei könnten sie es wieder mal besser machen als zuletzt die Löw-Männer. Die scheiterten vor einem Jahr in Russland. Ziemlich kläglich.

Bis dahin wird es sein wie immer. Begeisterung pur bei den einen, Verweigerung und Unverständnis bei den anderen. Frauenfußball und die Diskussion darüber sind so alt und so wechselhaft wie die Geschichte dieses Sports. Schon im zwölften Jahrhundert ist die Beteiligung von Frauen an einem fußballähnlichen Spiel überliefert. 1863 gründete sich in England ein erstes Damenteam. Auch in Frankreich waren les femmes schnell am Ball.

Und in Deutschland? 1955 verbot der Bundestag Frauen das Fußballspielen – da war die Gleichberechtigung der Geschlechter längst im Grundgesetz festgeschrieben. Entsprechend groß war die Enttäuschung bei all den Frauen, die vor und nach den Kriegswirren mit ihrem sportlichen Engagement auch ein Statement gesetzt hatten. Erst 1970 hob der Deutsche Fußball-Bund dieses Verbot wieder auf.

Seither hat sich viel getan. So viel, dass in diesen Tagen bis ins Kleinste abgeglichen wird, warum Frauenfußball gar nicht so viel schlechter ist als Männerfußball. Geschwindigkeit, Passgenauigkeit, Torgefährlichkeit, alles vermessen und ausgelotet: Note „Eins“ bis „Zwei“, nur bei der Physis hapert es. Und im großen Vergleich, da sind die Frauen sowieso vorn: Zwei WM-Titel seit 1990, eine Goldmedaille bei Olympia und acht EM-Trophäen, das müssen Neuer und C0. erst mal nachmachen. Zur Belohnung erhält jede Spielerin aktuell 65.000 Euro plus 10.000 als Prämie für den Titel – so viel wie nie zuvor. Wären die Männer 2018 Weltmeister geworden, hätten sie 350.000 Euro bekommen. Pro Kopf!

ZDF und ARD übertragen alle Spiele. Einschaltquoten, volle Stadien, der tolle Sport rechtfertigt dies allemal. In Zeiten des zunehmenden Event-Tourismus hat sich Frauenfußball zumindest für vier Wochen als Wirtschafts- und Entertainmentfaktor etabliert. Weshalb Gianni Infantino, Präsident des Weltverbandes, richtigerweise anmerkt, man vermarkte die Damen noch zu schlecht.

Und trotzdem. In keiner anderen Sportart in Deutschland haben es Frauen so schwer, anerkannt zu werden. Nirgendwo sonst wird so genüsslich und ungeniert über Sex zwischen Spielerinnen spekuliert, über Äußerlichkeiten abgelästert, despektierlich kommentiert. Gefühlt 82 Millionen Bundestrainer sind eine hohe Hürde. Aber wie heißt es im Imagefilm: Uns sind eure Vorurteile egal.