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Hamburger Kritiken

Die Revolution aus dem Hamburger Fahrradkeller

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Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Hamburgs erfolgreichste Firmengründung Evotec ist längst eine etablierte Biotech-Größe. Leider ein Einzelfall.

Kennen Sie 2cureX? Es ist nicht unbedingt eine Bildungslücke, das Biotechunternehmen vom Falkenried nicht zu kennen, aber es zeigt, wie wenig Hamburg über seine Unternehmensperlen weiß. In einem Land, in dem Autokorrekturprogramme aus Biotech grundsätzlich Bioteich machen, darf das nicht verwundern. Aber vielleicht wird das kleine Unternehmen einmal die Krebsbehandlung revolutionieren: 2cureX hat einen Test entwickelt, der die medikamentösen Therapien deutlich verbessern soll. An der Börse ist das Unternehmen, dessen Mutter aus Dänemark stammt, schon 175 Millionen Euro wert.

Am Falkenried lässt sich besichtigen, wie richtige Weichenstellungen zum Ziel führen können: Vor 15 Jahren hat die Hansestadt beschlossen, das Zukunftsfeld Lebenswissenschaften, neudeutsch Life Sciences, stärker zu beackern. Dabei liegen die Anfänge der Boombranche eigentlich in einem Hamburger Fahrradkeller. Dort gründete der Arzt Freimut Leidenberger einst das Unternehmen Evotec, das mit einer Marktkapitalisierung von 3,3 Milliarden Euro heute der viertschwerste Hamburger Börsenwert ist – nach Beiersdorf, Fielmann und Hapag-Lloyd, aber vor Freenet, Aurubis oder der HHLA. Leidenberger bürgte finanziell und bestand 1993 darauf, dass Evotec eine Hamburger Firma wird. Er war es auch, der als Stifter das Zentrum für Bioinformatik der Universität Hamburg mitbegründete und weitere Firmen aus der Taufe hob.

Die letzte Biotech-Aktie ging 2009 an die deutsche Börse

Während Hamburg aber nur einen Enthusiasten hatte, gaben andere Städte wie München und Heidelberg mehr Kapital und mehr Möglichkeiten. Mit der Gründung des Neuen Marktes floss plötzlich viel Geld: Das Börsensegment für junge Wachstumsunternehmen war eine hitzige Erfolgsgeschichte, bevor der Star verglühte: Kurzzeitig strebten innovative Unternehmen aus aller Welt auf das Frankfurter Börsenparkett; nach einer Reihe von Skandalen machte die deutsche Börse ihr Segment 2003 dicht. Was man damals übersah: Der Neue Markt war mehr als ein Tummelplatz für Zocker und Betrüger, ehemalige Schlagersänger und zukünftige Häftlinge – er gab Firmen die Chance, groß zu werden. Wie Morphosys, BB Biotech oder eben Evotec.

Und heute? Biofrontera ist die letzte Biotech-Aktie, die an die deutsche Börse gegangen ist. Das war 2009. Stattdessen zieht es Wachstumsfirmen heute ins Ausland. 2017 lag die Mehrländerbörse Euronext mit 1,53 Milliarden Euro an eingeworbenem Kapital nach Erhebungen des Branchendienstes Biocom deutlich vorn, dahinter landet der Nasdaq Nordic Market in Stockholm mit fast 600 Millionen Euro. Raten Sie mal wo 2cureX notiert ist! Genau, in Stockholm.

Den Falkenried zum Biotech-Campus machen

In Deutschland hingegen ist viel Geld, das aber zu selten zu Risikokapital wird. Der Gründer des Biotech-Unternehmens Thermosome, Pascal Schweizer, kritisierte im „Handelsblatt“, dass in den USA pro Kopf zehnmal mehr Risikokapital in Biotech- und Medizintechnik-Unternehmen investiert wird als in Deutschland. „Selbst wenn wir doppelt so schlau wären wie die Amerikaner, läge unser Wettbewerbsnachteil immer noch bei Faktor fünf.“ Das wäre doch mal eine schöne Denksportaufgabe für die Politik: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sollte vielleicht weniger nationale Champions backen als vielmehr über Hoffnungsträger von übermorgen nachdenken. Bundesfinanzminister Olaf Scholz könnte sich mit der Frage befassen, wie mutige Investoren ihr Risiko steuerlich abmildern können. Es ist schon bizarr, dass Deutschland über Jahre Überkapazitäten mit Schiffsfonds („schwimmende Sparbücher“) gefördert hat, während Zukunftstechnologien einen schweren Stand hatten.

Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank sollte sich die Frage stellen, wie aus dem Falkenried ein großer Biotech-Campus werden kann. Es bedarf eines Ökosystems von Wagniskapitalgebern, Forschungseinrichtungen, Kongressen, Förderungen, die neue kreative Köpfe nach Hamburg locken. Wirtschaftssenator Michael Westhagemann wird sicher helfen, die vielen Millionen alten Geldes, die Hamburger auf ihren Konten horten, in neue Ideen fließen zu lassen. Und Bürgermeister Peter Tschentscher, selbst Mediziner, hätte eine packende Vision für seine Amtszeit. Hamburg hat alle Möglichkeiten, die Stadt sollte sie nutzen. Vielleicht hat ja auch noch die Biotech-Legende Freimut Leidenberger einen Tipp.

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