Meinung
Deutschstunde

Auf der Suche nach den Stolpersteinen

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Reges Interesse für die häufigsten Fehler im Deutschen. Einige Antworten, in denen auch schnatternde Gänse vorkommen.

Vor einer Woche wies ich darauf hin, wie effektiv es ist, sich auf die sprachlichen Fehler zu konzentrieren, die der Einzelne immer wieder macht, statt den riesigen Kanon der Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung durchzuarbeiten und dabei dauernd auf längst Bekanntes zu stoßen. Wenn die Schüler nach einer Klassenarbeit die Fehler, die sie gemacht haben, in dem Heft berichtigen, also eine „Berichtigung“ anfertigen müssen, ist diese Lernmethode nicht nur effektiv (wirksam), sondern auch effizient (wirkungsvoll).

Ich empfahl das kleine Duden-Erste-Hilfe-Büchlein „Die 100 häufigsten Fehler“ für fünf Euro. Offenbar haben so viele Leser daraufhin den Weg in die Hamburger Buchhandlungen gefunden, dass zuerst die Sortimenter, dann die Grossisten und jetzt sogar Amazon von diesem Ansturm überrascht und überfordert waren. Ich bin aber sicher, der Bestand wird sich schnell wieder auffüllen lassen.

Der Imperativ steht immer ohne Apo­stroph!

Ich bekam viele Fragen zur deutschen Sprache zugeschickt, die auf ein reges Interesse an diesem Thema, aber auch auf eine Unsicherheit im Hinblick auf bestimmte Regeln schließen lassen. Manches lässt sich schnell beantworten. Sogar die neue ss/ß-Regel kann man in zwei Sätze fassen, die Entwicklung der Genera seit dem Indogermanischen hätte allerdings zu viel Zeit in Anspruch genommen. Ja, „widerspiegeln“ schreibt man mit Einfach-i, das Präfix (die Vorsilbe) „wider“ bedeutet „gegen“ und nicht „erneut“. Ja, die Mengenbezeichnung „drei Glas Bier“ steht im Singular (Einzahl; nicht: Gläser). Ja, der Imperativ (die Befehlsform) „sage Nein“ ist nicht falsch, sollte aber besser ohne „e“ als „sag Nein“ gebildet werden.

Falsch und schlimm wäre es jedoch, das angeblich fehlende „e“ durch einen Apostroph anzudeuten (bitte nie: sag’ Nein). Merke: Der Imperativ steht immer ohne Apo­stroph! Und wie ist es mit dem Super­lativ „verschiedensten“? Ein böser Fehler? Gemach! In der Bedeutung „von anderer Art“ kann „verschieden“ nicht gesteigert werden. Hat „verschieden“ aber die Bedeutung „unterschiedlich, mannigfaltig“, dann ist der Superlativ möglich: Sie hatten die „verschiedensten“ (mannigfaltigsten) Interessen.

Wann bekommt der Genitiv eine Endung mit „-s“?

Wann bekommt der Genitiv eine Endung mit „-s“? Ich war versucht zu knurren: Immer! Glücklicherweise habe ich das nicht geantwortet. Denn so einfach ist es nicht. Substantive (Hauptwörter) können stark oder schwach dekliniert (gebeugt) werden. Stark: der Vogel, des Vogel-s mit einem deutlichen „-s“. Das gilt allerdings nur fürs Maskulinum (männlich). Im Femininum (weiblich) suchen wir das „-s“ vergeblich: die Nacht, der Nacht. Beim Neutrum (sächlich) gibt es wiederum ein „-s“ und (wie auch maskulin) häufig noch ein „-e-“ dazu im Angebot: das Bild, des Bild-es. Manche Wörter werden daneben schwach dekliniert, und hier ist das „-s“ völlig verschwunden zugunsten der Endung „-en“: der Mensch, des Mensch-en.

Gerade eben, während ich diesen Text schreibe, klickt eine weitere Mail in mein Postfach. Eine Leserin will auf einer Seite 60 zwei Fehler entdeckt haben, in der Überschrift „Soweit die Füße tragen“ und im Text „Doch welches Modell ist das richtige?“ Oder „das Richtige“? Obwohl ich mich bei der Lektüre des Abendblatts nur mit Mühe bis zur Seite 60 durchkämpfen kann, hier die Antwort: „so weit“ getrennt, „das richtige“ klein. Wir müssen unterscheiden: Er tut das Richtige (alleinstehend), aber: Dieses Modell ist das richtige [Modell] – abhängig vom Subjekt.

Eine andere Leserin vertiefte sich bis in die Stilistik, Syntax (Satzbau) und Semantik (Bedeutung). In einer kurzen dpa-Meldung war geschildert worden, wie Polizisten eine Hauptstraße im Berufsverkehr sperren mussten, weil eine Enten-Familie auf der Fahrbahn spazierte. Es ergab sich die Frage, ob die Ordnungshüter schnatternd die Tiere zum gegenüberliegenden Fluss geleiteten oder ob die Polizisten die Tiere schnatternd eskortierten. Abgesehen davon, dass die Vögel sich als Gänse herausstellten, wollen wir doch annehmen, dass unabhängig von der Satzstellung die Gänse schnatterten und die Polizisten staunten. Alles andere wäre keine Zuordnung der Satzglieder, sondern eine Beamtenbeleidigung gewesen.

deutschstunde@t-online.de