Meinung
Meine wilden Zwanziger

Die Welt retten – wie hart ist das denn?

Früher wurden "Ökos" belächelt. Heute ist es cool, umweltbewusst zu leben. Wenn es da nicht ein Problem gäbe...

Zu meiner Schulzeit, die inzwischen sieben Jahre zurückliegt (o Gott!), haben sich kaum Jugendliche für die Umwelt interessiert. Die 16 Jahre alte Greta Thunberg – das heutige Gesicht der globalen Klimabewegung und eine Ikone der Jugend – wäre vermutlich eine Außenseiterin gewesen. Mitschüler hätten sie als „Öko“ abgestempelt. Sie belächelt. Ein Umweltfanatiker wie sie war damals leicht zu erkennen: Er trug nachhaltig produzierte Kleidung in matschigen Brauntönen, auf dem Auto seiner Eltern klebte ein „Atomkraft? Nein danke“-Sticker, und im Politik-Unterricht hat er in Referaten das Parteiprogramm der Grünen angepriesen.

Obwohl „Ökos“ meistens unglaublich nett waren, sich sozial als Sanitätsdienst oder Streitschlichter engagierten und andere ihre Hausaufgaben abschreiben ließen, wollte sich kaum einer dieser sonderbaren Spezies nähern. Stattdessen gehörte man mit einer lässigen Scheißegal-Haltung zu den Coolen. Sie scherten sich nicht um den Klimawandel. Die Anführer rauchten hinter der Aula, fuhren jeden Tag mit ihren getunten Motorrollern zur Schule und gaben am Ende der Bioklausur statt der gelösten Aufgaben ein ins Heft gekritzeltes Graffiti ab. Wie cool. Oder?

Neulich habe ich einen dieser hippen Draufgänger auf einer Party wiedergetroffen. Wir unterhielten uns über das Reisen, weil das bei jungen Menschen ja gerade im Trend ist. Er erzählte mir, dass er möglichst viel von der Welt sehen wolle. Norwegen, Südafrika, Australien. Aber er wisse noch nicht genau, wie er das anstellen solle. Schließlich möchte er nicht so viel fliegen. Der Umwelt zuliebe. Hoppla?

Vor ein paar Jahren hat er noch seine Zigarettenstummel ins Gebüsch geworfen und Witze über „Ökos“ gerissen. Heute möchte er selbst einer sein. Denn: Die Umwelt zu retten ist jetzt angesagt.

Wer sich nicht für den Klimawandel interessiert, nicht weiß, wo sein Fleisch herkommt und nicht mindestens drei Fernsehdokumentationen über die Textilfabriken in Bangladesch gesehen hat, gilt als weltfremd und unaufgeklärt. Man kann nicht mehr mitreden. Sich umweltbewusst zu verhalten ist offenbar zur Selbstverständlichkeit geworden. Selbst Menschen, die sich früher von McDonald’s-Burgern ernährt haben, schmücken sich damit, dass sie Äpfel aus dem Bioladen kaufen. Ohnehin: Bio ist schon lange nichts Außergewöhnliches mehr (zum Glück!). Laut einer Befragung zum „Ökobarometer 2018“, das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Auftrag gegeben wurde, kaufen mehr als drei Viertel der deutschen Verbraucher inzwischen Bioprodukte – ein Viertel sogar häufig.

Vor einer Woche präsentierte Lena Meyer-Landrut bei Instagram ihre eigene Kollektion für die Modekette H&M. Bis vor Kurzem wären Teenager noch ausnahmslos begeistert gewesen – jetzt musste die Sängerin jede Menge Kritik einstecken. Eine Nutzerin schrieb: „Ich bin wirklich ein großer Fan von dir, hätte mir allerdings gewünscht, dass du nachhaltigere Fashionlabels unterstützt.“ Natürlich passt das Verhalten der jungen „Fridays for Future“-Generation zur allgemeinen Entwicklung im Land. Diese gab es zu meiner Schulzeit in der Form noch nicht. Und ja, einige Jugendliche demonstrieren jeden Freitag für den Klimaschutz, um dazuzugehören. Aber Hauptsache, sie setzen sich mit dem Thema auseinander. Denn: Diese Bewegung ist kein Trend, der in ein paar Jahren wie die Schlaghose in der Altkleidersammlung landen wird.

Doch gerade junge Leute stehen häufig vor einem großen Problem: Einerseits wollen sie die Welt retten, andererseits sie bereisen. Vor zwei Jahren habe ich eine Kreuzfahrt nach Norwegen gemacht. Eigentlich traue ich mich gar nicht mehr, davon zu erzählen (wenig schlau, dass ich es in einer Zeitung mache). Bevor Sie mich jetzt steinigen oder böse Leserbriefe schreiben: Ich weiß, das war nicht cool. Ich habe die wunderschöne Fjordlandschaft bestaunt – und sie gleichzeitig zerstört. Das würde mir nicht noch einmal passieren.

Doch der Weg zum wirklich umweltbewussten Leben ist hart. Aber immerhin haben wir schon erkannt: Die „Ökos“ von damals aus der Schule sind keine Außenseiter mehr, sondern cool.