Meinung
Leitartikel

Gesundheit 2.0 – Tschentscher muss ran

Christoph Rybarczyk

Christoph Rybarczyk

Foto: Marcelo Hernandez

Die Demografie einer alternden Gesellschaft und die Digitalisierung sind globale Megatrends, die in Hamburg besonders durchschlagen.

Es ist ein Phänomen, dass zwei bedeutende und für viele beängstigende Trends in Deutschland und weltweit sich wie in einem Brennglas in Hamburg beobachten lassen. In diesen Begriffen konzentrieren sich Zukunftsthemen, die längst unsere Gegenwart dominieren: Demografie und Digitalisierung. Kaum jemand will wahrhaben, wie diese beiden Megatrends unseren Alltag erfasst haben. Sie schütteln ihn gewaltig durch und konfrontieren Hamburg mit existenziellen Herausforderungen.

Die Kernfrage lautet: Können und wollen wir mitgestalten, wie die Gesellschaft altert, wie Smartphones, das Internet, Algorithmen und künstliche Intelligenz alle Lebensbereiche durchdringen? Oder müssen wir das anderen überlassen?

Gesundheitsbranche ist heimlicher Boomfaktor

Mit der Gesundheitsbranche an Alster und Elbe, ihren Krankenhäusern, Ärzten, Pflegern, Pharma- und Technologiefirmen, hat praktisch jeder Hamburger zu tun. Sie ist ein heimlicher Boomfaktor. Nicht für Experten, die längst wissen, dass jeder siebte Job in Hamburg mit Gesundheit zu tun hat. Es ist höchste Zeit, dass sich jeder mit der alternden Gesellschaft und dem Einfluss des Digitalen befasst.

Denn wenn Hamburgs gewichtigste Arbeitgeber wie die Krankenhäuser von Asklepios und das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und die anderen Kliniken bis zum Jahr 2030 Tausende neue Ärzte und Pfleger brauchen, dann erkennt man die Not. Welche 20 Jahre alten Medizinstudenten von heute sollen uns in zehn Jahren leitliniengerecht am Herzen operieren? Welche Schulabgänger uns dann pflegen? Welche jungen Forscher können künftig Medikamente entwickeln, die den galoppierenden Verfall bei Demenz verlangsamen? Und welche Tüftler binden das Ganze an das 2030 zeitgemäße Internet an?

Ärzteschaft altert dramatisch schnell

Auch die Ärzteschaft altert dramatisch schnell. In Hamburg hat sich zwischen Asklepios und dem UKE, dem Albertinen, dem Marienkrankenhaus und der Endo-Klinik ein Kampf um die besten Köpfe entwickelt: Mediziner, Pflegekräfte und Techniker. Er wird mit harten Bandagen geführt.

Gleichzeitig – Stichwort Demografie – drängt die Landbevölkerung in die Metropolen. Sie sucht nach Arbeitsplätzen, Freizeitvergnügen, medizinischer Versorgung. Der Landarzt stirbt aus, die Patientenzahlen in Hamburg wachsen rasant. Das Fernbehandlungsverbot ist flächendeckend gefallen. Heißt: Im Internet werden immer mehr medizinische Leistungen angeboten. Am Tropf von Dr. Google hängt auch der Hamburger Patient. Amazon macht jetzt in Gesundheit, Apple sowieso.

Der Schrei nach schneller Digitalisierung, den beispielsweise der Hamburger Asklepios-Konzern ausgestoßen hat, stieß bei Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks bislang auf wenig Widerhall. Das Unternehmen will einen offenen Prozess mit allen Beteiligten, auch den Konkurrenten. Ziele: mehr Austausch von Patientendaten, von Wissen, weniger Bürokratie.

Oder sollte besser Bürgermeister (und Mediziner) Peter Tschentscher das moderieren? Digitalisierung muss Chefsache sein. Analog zum Hamburger Bündnis für Wohnen könnte es eines für Gesundheit 2.0 geben.

Wenn der Senat nicht turboschnell handelt, droht er auch von einem anderen Bündnis ins schlechte Licht gerückt zu werden: dem für mehr Personal im Krankenhaus. So unrealistisch die Forderungen dieser Volksinitiative klingen mögen – sie treffen messbar in Zehntausenden Unterschriften den Nerv der Hamburger. Die Warnungen der Krankenhäuser für das Jahr 2030 könnten schon bei der Bürgerschaftswahl 2020 eine Rolle spielen.