Meinung
Leitartikel

Von Elterntaxis und der Generation Rücksitz

| Lesedauer: 3 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible

Gegen Eltern, die ihre Kinder chauffieren, helfen nicht nur gute Worte – sondern Fahrverbote.

Wenn es um Kinder geht, haben in Deutschland alle eine Meinung: Da empören sich viele mit Verve über Helikoptereltern, Kinderverbote in Restaurants („Schnullergate“) oder Elterntaxis. Wir haben zwar extrem wenig Nachwuchs, aber kompensieren diesen Mangel offenbar mit einem Übermaß an Meinungsfreude. Als Vater wundert man sich mitunter, welche Expertise manch Kinderloser da mitbringt.

Nun ist es die Frage der Elterntaxis, die Hamburg bewegt: Fast die ganze Stadt mokiert sich über Mamas und Papas, die ihren Nachwuchs mit dem Auto direkt vor die Schule fahren; manche Bildungseinrichtungen haben sogar alberne „Kiss-and-Drop“-Zonen vor den Schulen eingerichtet und wähnen sich an der Spitze des Fortschritts – wahrscheinlich halten sie auch die autogerechte Stadt der 50er-Jahre für zeitgemäß.

Motorisierte Massenbewegung

Fakt ist: So berechtigt der Fahrservice in Einzelfällen auch sein mag (die gibt es), so absurd ist die motorisierte Massenbewegung: In Hamburg bringt inzwischen ein Drittel der Eltern den Nachwuchs direkt vor die Schultür. Und so steigern sich verständliche Einzelfälle zum gesamtgesellschaftlichen Ärgernis. So sollte es nicht weitergehen. Höchste Zeit: zu gehen.

Das Elterntaxi verbessert nicht die Sicherheit, sondern mindert sie. Vor den Schultoren spielen sich absurde Verkehrsszenen ab: Die Zweite-Reihe-Parker, Spontan-Wender und Entnervt-Beschleuniger sind längst eine Gefahr für die Kinder, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen. Zudem sind sie eine Belästigung für alle Anwohner und ein Hindernis für Passanten.

Kinder wieder auf die eigenen Beine stellen

Ein weiteres Argument ist ein ökologisches: Hamburg versteht sich als Umwelthauptstadt, als Fahrradstadt, und will bis 2030 den Kohlendioxid-Ausstoß im Vergleich zu 1990 halbieren. Gelingt es, die Kinder wieder auf die eigenen Beine zu stellen, wäre viel gewonnen.

Größter Gewinner wäre der Nachwuchs selbst. Psychologen weisen daraufhin, dass Kinder nicht nur selbstständiger und sicherer werden, wenn sie den Schulweg allein zurücklegen – sie kommen auch wacher und konzentrierter an. Legen sie den Weg mit Kameraden zurück, kommt die soziale Komponente hinzu: Sie vertiefen Freundschaften, kommen ins Plaudern, erleben Abenteuer: Wer daran zweifelt, erinnere sich an seine eigene Kindheit: Noch in den 1970er-Jahren machten sich 91 Prozent der Grundschüler in Deutschland allein auf den Schulweg: Sie alle werden Geschichten erzählen können, was sie dort erlebt haben. Heute ist der Anteil einer Forsa-Umfrage zufolge auf ein gutes Drittel gefallen.

Kluge Vorschläge von den Bremer Grünen

In dieser Woche stoppt die Polizei Elterntaxis – vermutlich mit überschaubaren Erfolg. Es ist an der Zeit, weiter und mutiger zu denken: Die Grundschule Rungwisch in Eidelstedt richtet nun „Haltestellen“ ein, von denen die Kinder gemeinsam zur Schule gehen können.

Die Bremer Grünen haben jüngst kluge Vorschläge gemacht: Sie fordern spezielle „Schulstraßen“, in denen zwischen 7.45 und 8.15 Uhr ein befristetes Fahrverbot für alle Autos gilt oder Absperrungen greifen. Dieses Konzept wird nicht an den Magistralen funktionieren, aber auf vielen Nebenstraßen. Bozen in Südtirol hat 1989 die ersten Schulstraßen eingeführt; die Zahl der Schulweg-Unfälle hat sich seitdem halbiert. Kinder, die sich von klein auf im Verkehr bewegen, kommen eben besser zurecht – und sicherer ans Ziel.

In Hamburg ist der Anteil der Generation Rücksitz noch besonders verbreitet. Unter dem Motto „Fridays for Future“ demonstrieren jeden Freitag Schüler – und inzwischen auch Eltern – für mehr Klimaschutz. Das Klima aber rettet man nicht nur freitags. Sondern jeden Tag.

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