Meinung
Kolumne Deutschstunde

Grammatisch gesehen ist ein Mädchen sächlich

Der Verfasser ist früherer Chef vom Dienst des Abendblatts und schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der Sprache.

Der Verfasser ist früherer Chef vom Dienst des Abendblatts und schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der Sprache.

Foto: Klaus Bodig / HA

Im Deutschen heißt es: -chen und -lein machen ein Wort klein. Solche Verkleinerungen nennt man Diminutive.

Der Baum steht seit 50 Jahren im hinteren Teil des Gartens – groß, knorrig, bestandsgeschützt und auf jeden Fall männlich: „der“ Baum. Als mein Vater ihn damals pflanzte, war „er“ noch ein Bäum-chen. „Er“? Nein, „es“! „Das“ Bäumchen ist nicht nur erheblich kleiner als der Baum, „es“ hat auch sein grammatisches Geschlecht gewechselt – wohlgemerkt: nur sein grammatisches Geschlecht, nicht sein natürliches, woran­ auch sämtliche Gaga- und Gendersterne nichts ändern können.

Meine Mutter soll, als Vater mit dem kleinen Stamm vom Gärtner kam, ausgerufen haben: „Was für ein niedliches Bäum-lein!“ Wir haben es mit den Ableitungsformen von Substantiven (Hauptwörtern) zu tun, die im Vergleich zu der Bedeutung des Grundwortes eine Verkleinerung ausdrücken. Durch die Endsilbe (Suffix) wird Großes kleingemacht. Merkspruch: -chen und -lein machen ein Wort klein: Häuschen, Freundchen, Bübchen, Mäuschen oder Kindlein.

Sprachwissenschaftlich nennt man solche grammatischen Verkleinerungsformen „Diminutive“ (Einzahl: Diminutiv oder Diminutivum, Diminutiva). Wir gebrauchen diese Verkleinerungsformen täglich und bilden immer wieder neue. Dabei sollten wir nur eines unbedingt beachten: Im Deutschen ist jedes Diminutiv sächlich (Genus: Neutrum), führt den bestimmten Artikel (Geschlechtswort) „das“ und das entsprechende Pronomen (Fürwort) „es“. So ist das Mädchen (Diminutiv von „Maid“) sächlich, obwohl wir es nach unserer Erfahrung und Beobachtung durchaus als weiblich empfinden. Doch in der Schriftsprache schlägt das grammatische Geschlecht das natürliche Geschlecht.

Dabei gibt es keine Ausnahme. Selbst in der Umgangssprache sollten Sie diese Regel beachten: Das Mädchen weint. „Es“ hat Kummer. Das gilt sogar für Eigennamen wie Klein Fritzchen: „Es“ wächst, nicht „er“, wie ich in einer Kolumne formuliert habe. Das war grammatisch zweifelsohne richtig, obwohl sich einige Leser die Augen gerieben haben. Der Alte Fritz, der in Potsdam Flöte spielte und seine Hunde mehr liebte als die Menschen, ist männlich, Maskulinum; das kleine Fritzchen, das sich in der Schule mühsam durch die Grammatik kämpft, ist dagegen sächlich, Neu­trum. Als ob die Form des Diminutivs noch nicht reichte, wird häufig das Adjektiv (Eigenschaftswort) „klein“ zur Verdeutlichung beigefügt: das kleine Häuschen, ein kleines Bübchen, mein kleines Mäuschen.

Sprachpuristen wenden ein, dass es sich hier um das mehrfache Auftreten eines Bedeutungsmerkmals handele, um die überflüssige Häufung sinnähnlicher Ausdrücke, was rhetorisch (die Redeweise betreffend) als Pleonasmus bezeichnet wird („weißer Schimmel“). Solche Zusätze werden jedoch geduldet. Jeder muss das Recht haben, seine Rede oder seinen Text ein wenig auszuschmücken, damit das Deutsche nicht so schlicht daherkommt wie ein Plattenbau. Bestimmte Wörter sind formal Diminutive, werden jedoch als eigenständige Begriffe verwendet und haben im Laufe der Zeit ihren Bezug zum Ursprungswort verloren. Ein „Meerschwein“ kommt in Brehms Tierwelt nicht vor, und „Fischstäbe“ stehen auf keiner Speisekarte, weil die Ableitungen „Meerschweinchen“ oder „Fischstäbchen“ sich verselbstständigt haben. Auch beim „Brötchen“ denken wir kaum noch an die Verkleinerung des großen Brotlaibs und beim „Märchen“ nicht mehr an die Mär.

Da heutzutage sogar Zwölfjährige schon als „Frau“ angeredet werden, ist die Bezeichnung „Fräulein“ aus der Gegenwartssprache verschwunden. So lautete früher die Anredeform für unverheiratete Frauen unabhängig vom Alter. Die ledige Rektorin meiner Grundschule hieß selbst mit 60 Jahren noch „Fräulein Mohr“, während ein „Frauchen“ (ohne Umlaut) eher eine Art sprachliche Selbstverstümmelung bezeichnet. Sie wissen schon: Hier handelt es sich um eine Hundehalterin, die sich mit ihrem vierbeinigen Liebling auf eine Stufe stellt. Diminutive können auch eine Drohung beinhalten. Wenn ich zu meinem Sohn oder gar meinem Nachbarn sage: „Pass bloß auf, Freundchen!“, so ist der letzte Rest von Koseform und Verniedlichung verschwunden. Hier droht vielmehr eine Tracht Prügel.