Meinung
Schumachers Woche

Gangsterrap – der perfekte Mobbing-Sound

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Foto: Reto Klar

Hauptsache, Tabubruch: Rapper wie Bushido und Kollegah befeuern Hetzjagden auf dem Schulhof und anderswo.

Vor einiger Zeit hat eine Musikzeitschrift ermittelt, wie häufig deutsche Rapper in ihrem Gesamtwerk behaupten, die Mutter eines Rivalen ... zu haben – ergänzen Sie bitte explizit die maximal denkbare Unflätigkeit. Die Lis­te führen die Sprechsänger Farid Bang, Kollegah und Bushido an, mit weit über 200 Mutterbeleidigungen je Gesamtwerk.

Allein die jeweils erfolgreichsten Songs dieses Trios wurden beim weltgrößten Download-Portal Spotify weit über 100 Millionen Mal gespielt. Alles Spaß, erklärte mir ein junger Mann, es gehe darum, andere Rapper in Grund und Boden zu dissen, das sei ein Wettkampf. Kleiner Einwand: „Ich picke dein Futter“ oder „Ich erblicke deinen Kutter“ reimen sich auch; viele gute Rapper kommen ohne Vergewaltigungsmotive gut zurecht.

Entgleiste Sprache begünstigt entgleisendes Verhalten

Ja, Kunst ist frei, Satire darf alles, und früher wurde auch schon derbe ausgeteilt. Andererseits begünstigt entgleiste Sprache entgleisendes Verhalten, weshalb die Annahme erlaubt sei, dass Brachial-Rap den Soundtrack für Mobbing liefern kann, jene Hetzjagd im Rudel, von der Eltern oder Lehrer, wenn überhaupt, immer zu spät erfahren, weil die Opfer in Scham und Schweigen versinken.

Der Unterschied zur Klassenkeile von früher: Heute ist das Niedermachen von Schwächeren und Andersartigen, von Polizei, Lehrern, Gesetzen unter der Tarnkappe künstlerischer Freiheit von allen Tabus befreit. Aufgepumpte Würstchen deuten sich zu Verfolgten und Unterprivilegierten um, kommerziell getriebener Furor inszeniert sich als gesellschaftliche Notwehr, die Faustrecht, Waffenbesitz und Machokult als gutes Recht zelebriert – die perfekte Mobber-Ideologie.

Was der Adenauer-Ära das Hippietum und den 80ern das Hakenkreuz, das ist Erwachsenen heute der Kult ums Clan-Gehabe – eine Provokation. Vorwurfsvoll weghören? Nein. Lieber mit Hintergründen und Motiven kalkulierter Aggression befassen und den stummen Schrei nach Liebe erlauschen, den brachiale Rapper ebenso wie Mobber nicht in angemessene Worte zu fassen vermögen.