Meinung
Zwischenruf

Hamburger Verkehrsprobleme gab es schon 1760

Heute würde man es wohl eine Lose-lose-Situation nennen, mit der sich der arme Senator da im Jahr 1760 konfrontiert sah. Und schuld war dieses ewige Verkehrschaos auf Hamburgs Straßen. Zwei große prächtige Kutschen waren sich in einer viel zu engen Straße entgegengekommen. Und weil diese SUVs des 18. Jahrhunderts einfach zu breit waren, als dass sie aneinander vorbei hätten fahren können, gab es natürlich Streit – und die Herren konnten sich nicht einigen, wer zurücksetzen musste (was mit einer Kutsche ungleich schwieriger ist als heutzutage mit dem Auto, selbst wenn es ein Cayenne ist).

Beide konnten darauf verweisen, wichtige Persönlichkeiten zu sein: Es handelte sich nämlich um den britischen Gesandten auf der einen Seite – und den französischen auf der anderen. Nun muss man wissen, dass diese beiden größten europäischen Mächte jener Zeit sich spinnefeind waren (und gerade mal wieder Krieg gegeneinander führten). Und Rangfragen waren damals ungleich wichtiger als heute, es wurden sogar Kriege begonnen, nur weil der Vertreter eines Hofes beim Festmahl einen vermeintlich unangemessen schlechten Platz an der Tafel bekam.

Es war also diplomatisch stark vermintes Terrain in dieser engen Hamburger Gasse. Weshalb man auch nicht den Udel (also die Polizei) holte, sondern einen Senator, dessen Name leider nicht überliefert ist. Beide Diplomaten versicherten im Voraus, sich seinem Urteil zu beugen. Was sollte der arme Kerl nur tun? Egal für wen er sich entschied – das Ergebnis wäre eine politische Katastrophe.

Glücklicherweise (für Hamburg) handelte es sich um ein ausgesprochen kluges Exemplar von Senator. Er setzte den beiden Gesandten auseinander, dass es sich hier um ein Problem von enormer Bedeutung handele. So bedeutend, dass er als einzelner Senator unmöglich entscheiden könne. Vielmehr müsse der ganze Rat der Stadt sich der Sache annehmen. Dann teilte er den Herren noch mit, dass der Rat übermorgen zusammentreten werde – solange mögen sie es sich doch bitte bequem machen.

Leider schweigen die Quellen darüber, wie genau die Situation nun aufgelöst wurde. Doch das salomonische Nicht-Urteil wird den Diplomaten wohl ein anerkennendes Schmunzeln entlockt haben. Vermutlich haben sie beschlossen, auszusteigen, um im Ratskeller an einem runden Tisch die Qualität des Rheinweins zu prüfen – und ihre Kutscher das Problem lösen zu lassen ...