Meinung
Kolumne Deutschstunde

Die deutsche Sprache ist ins neue Jahr gestolpert

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts.

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts.

Foto: Klaus Bodig / HA

Zwar wurde die Invasion der Gendersterne vorerst gestoppt, doch alle typischen Fehler leben munter weiter.

Auf ein Neues im neuen Jahr! Doch kaum habe ich diesen Aufruf geschrieben, kommt er mir schal vor wie ein abgestandenes Glas Bier. Zu oft habe ich schon ein neues Jahr mit Hoffnung und Vorsätzen begonnen, und in der Folge hat das Jahr mich und habe ich das Jahr enttäuscht. Es fällt schwer, sich an Höhepunkte der letzten zwölf Monate zu erinnern. Immerhin, wenn wir an den Januar 2018 zurückdenken, fällt uns ein Mann namens Martin Schulz ein, der damals ein 100-Prozent-Vorsitzender der SPD war und inzwischen zu einem Hinterbänkler geworden ist.

Oder der ehemalige Welttrainer Joachim Löw, der es geschafft hat, die deutsche Fußballnationalmannschaft innerhalb weniger Monate vom Weltmeister und vom Fifa-Platz Nummer eins zum Absteiger aus der Gruppe A der Nations League zu führen. Trotzdem bleibt er im Amt. Einen Nachfolger gibt es nicht, nachdem selbst ein Ralph Hasenhüttl vorsichtshalber nach England entflohen ist.

Fall Relotius: Journalistenpreise mit Rücksendeschein

Auch die Reputation unseres Berufsstandes hat gelitten. Als ich kürzlich beim Babybier (ich bin wieder Großvater geworden) einem mir unbekannten Besucher gegenüber meine Tätigkeit als „Journalist“ angab, sah ich ein süffisantes Grinsen in seinem Gesicht. Wir haben lernen müssen, dass man nahezu sämtliche renommierten Journalistenpreise mit total oder weitgehend erfundenen Reportagen gewinnen kann. Wir sollten solche Preise künftig mit einem Rücksendeschein wie die Pakete des Versandhandels versehen, damit sie leichter zu „relotieren“ sind.

Hat wenigstens die deutsche Sprache den Jahreswechsel unbeschädigt überstanden? Zwar wurde die Invasion der Gendersterne vorerst vom Rat für deutsche Rechtschreibung gestoppt, sodass wir die Bibel, den „Faust“ und die „Buddenbrooks“ noch nicht geschlechtergerecht versternen müssen, doch unverändert geblieben sind die typischen Fehler in Schrift und Sprache. Es wäre vermessen zu glauben, meine diesbezüglichen Hinweise seit mehr als sechs Jahren könnten daran etwas ändern.

Matthäus hat nie geprotzt wie Ribéry

Ich will mich wirklich nicht auf Lothar Matthäus einschießen. Als Fußballspieler habe ich ihn sehr geschätzt, und er hat auch nie so rüpelhaft geprotzt wie Franck Ribéry, der sich gerade ein vergoldetes Steak im Wert von 1200 Euro hat servieren lassen. Doch wer lehrt den Lothar endlich, wie man spricht? Es heißt nicht „Er ist besser wie Götze“, sondern „Er ist besser als Götze“. Angespannt erwarte ich auf Sky immer den nächsten falschen Komparativ und kann mich nicht auf die Aussage konzentrieren. Schließlich habe ich die Pay-TV-Gebühr gekürzt. Das brachte aber der deutschen Sprache nichts und mir die Sperrung des Empfangs.

In der 12. Minute hat der Linienrichter „Abseits gewunken“. Das Abseits mag richtig erkannt worden sein, die Flexion jedoch nicht. Und wenn ich mich bis zum Abwinken wiederhole: Es heißt „gewinkt“ und nicht „gewunken“. Irgendwann gebe ich auf und winke selbst mit der Fahne. Mit der weißen.

Das Ganze geschah „nahe des Tores“. Nein, „nahe dem Tor“! Dativ, bitte! Der junge Profi hat „scheinbar nichts gelernt“, hören wir – „anscheinend“ wäre hier allerdings richtig gewesen. Er macht immer noch „denselben Fehler“ wie im letzten Jahr; „denselben Fehler“ kann man nur einmal machen, den „gleichen Fehler“ aber häufiger.

Vor dem Anpfiff gedachten die Spieler „dem im März diesen Jahres verstorbenen Vorsitzenden“. Richtig heißt es: Sie gedachten „des Vorsitzenden“, der im März „dieses Jahres“ gestorben war. Da wir gerade beim Genitiv sind: Der Verein wird „den Ultras nicht Herr“? Nein, „der Ultras“! Im Stadion herrschten „heiße Temperaturen“ – oder sagen wir besser: „hohe Temperaturen“, die die Hitze hervorriefen.

Der Verteidiger spielte „den optimalsten Pass“. Wir wollen nicht übertreiben, „optimal“ zeigt bereits das Optimale an und lässt sich nicht steigern. Der folgende Fehlpass „erschrak“ die Zuschauer. Ich nehme an, er „erschreckte“ die Zuschauer, die darob „erschraken“. Einen besonderen „Schrecken“ bekam der Trainer. Sparen wir zwei Buchstaben ein: Er bekam natürlich einen „Schreck“, dachte aber „mit Schrecken“ an den drohenden Abstieg.

deutschstunde@t-online.de