Meinung
Gastbeitrag

Warum die wachsende Stadt den Sport braucht

Die Anziehungskraft der großen Städte ist ungebrochen. Hamburg hat ohne Fanfaren, Feuerwerk und Anwerbeprogramme vor einigen Wochen die Marke von 1,9 Millionen Einwohnern überschritten. Doch der Wachstumsoptimismus früherer Jahre hat sich eingetrübt. „Wird Hamburg hässlich?“, fragte das Abendblatt Mitte November und meinte damit auch: Kann Hamburg die Folgen der Urbanisierung – mehr Menschen, mehr Häuser, mehr Schulen, mehr Verkehr – so steuern, dass die Stadt weder ihr Gesicht noch ihren Charakter verliert? Schaffen wir das?

Konsens gibt es nicht. Einerseits taugt zum Einstieg in den Smalltalk mit Gästen aus dem Ausland nichts so gut, wie die Bemerkung, Hamburg sei „a very green city“, eine Stadt mit viel Natur. Die Gäste sehen das genau so. Andererseits suggerieren Naturschützer, das letzte Grün der gleichen Stadt solle dem Wohnungsbau geopfert werden.

Abgesehen davon, dass der Blick aus der Luft und über den Hamburger Tellerrand hinweg das Untergangsszenario von der Betonstadt widerlegt: Das undifferenzierte Wettern gegen das Wachstum ist ein Anachronismus.

Das Wachstum der Städte ist Fakt, und es ist Folge ihrer Attraktivität. Je attraktiver die Stadt, desto größer der Wunsch, dort zu leben und zu arbeiten. Weltweit liegt Hamburg unter den wichtigen Städten auf Platz vier, wenn gefragt wird, wo Menschen gern leben und arbeiten würden. Kein Wunder. Wer in Hamburg einen Kitaplatz braucht, wird einen bekommen, gebührenfrei wie das Lernen an Schule und Hochschule. Das Maß an Verdichtung in Hamburg ist im Vergleich zu anderen Metropolen mehr als nur erträglich. Um die Breite des Sport-, Kultur- und Freizeitangebots werden wir beneidet.

Attraktivität ist anziehend. Was tun? Den Bau einer Mauer rings um die Städte haben auch die härtesten Weltstadtgegner und Wachstumskritikern nicht gefordert. So bleibt zur Wachstumsbegrenzung offenbar nur ein einziges Mittel: eine großangelegte De-Attraktivierungsstrategie. Das gezielte Verlotternlassen von Natur, Parks und Plätzen. Der Stopp des Wohnungsbaus mit dem beabsichtigten Ziel abschreckender Mietsteigerungen. Mehr Unsicherheit durch weniger Polizei. Eine „ist-mir-doch-egal“-Haltung in Politik und Verwaltung. Eine Schnapsidee. Die theoretisch denkbare Verringerung des Zuzugs würde erkauft mit einem Verlust an Lebensqualität, mit Schwächung der Wirtschaft, mit dem Zwangsabstieg Hamburgs in Liga zwei oder drei.

Bei der nötigen Akzeptanz für Wachstum muss es also darum gehen, dass nicht nur die Stadt, sondern auch die Lebensqualität wächst. Weltweit greifen moderne Städte immer häufiger auf einen Bereich zurück, der bisher eher eine untergeordnete Rolle spielte: Sport und Bewegung. Das heißt: Mit der Stadt muss die Sportinfrastruktur mitwachsen. Hamburg erlebt dementsprechend das größte Sport-Bau-Programm seiner Geschichte und macht damit nicht nur den Vereinen sondern auch denen Angebote, die Sport unterhalb der Pulsfrequenz von 130 oder außerhalb von Verein oder Fitness-Studio erleben wollen: Fitness-Stationen in den Stadtteilen und Grünanlagen, Sportkurse mit Trainerinnen und Trainern, die sensibel genug sind, den bislang Unsportlichen bei ihren ersten Schritten in den Sport zu helfen. Wir setzen auf Angebote statt auf Belehrung, Zwang und schlechtes Gewissen. Umso wichtiger ist es, Gelegenheiten zu bieten, positive Erfahrungen mit Sport zu machen. Das sind Radwege, die im Winter geräumt werden. Beleuchtete Joggingstrecken, auf denen man sich sicher fühlt, oder attraktive, gepflegte Fußwege.

Die internationale Breitensportorganisation TAFISA hat Hamburg Anfang Oktober als eine von nur sechs Städten weltweit als „Global Active City“ ausgezeichnet – als Stadt, die auch auf Sport in seiner gesamten Bandbreite setzt, wenn es darum geht, Wachstum und Lebensqualität unter einen Hut zu bekommen. Mit Oberbillwerder entsteht in den 20er Jahren der weltweit erste „Modellstadtteil Active City“, autoreduziert, mit vielen Gelegenheiten für Sport, Fitness und Bewegung. Die Hamburger Expertise wird mittlerweile weltweit abgefragt. Bei aller hanseatischen Bescheidenheit: Darauf können wir stolz sein.