Meinung
Kommentar

Ticketaffäre: Übereifer der Justiz

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible

Das Konzert der Rolling Stones taugt nicht zum Riesenskandal.

Die „Überlastung der Justiz“ ist ein so großes Problem, dass man inzwischen die beiden Substantive fast schon automatisch zusammendenkt. In der Tat klagen viele Richter und Staatsanwälte zu Recht über eine Fülle von Verfahren, die insgesamt den Rechtsstaat in seiner Funktion beeinträchtigen.

Gerade da wundert es schon, mit welchem Eifer, Feuereifer, ja Übereifer im Zusammenhang mit dem Konzert der Rolling Stones ermittelt wird. Wir erinnern uns: Das war jenes Konzert am 9. September 2017, das 80.000 Menschen begeisterte und Hamburg ein Stück Rockgeschichte schenkte. Und das überhaupt nur möglich war, weil politisch Verantwortliche mutig waren und, ja, auch mal hemdsärmelig agierten.

Es wurde offenbar gemauschelt, aber ohne Bereicherungsabsicht

Schon jetzt ist klar: Niemand, der bei Trost ist, wird jemals in der Hansestadt wieder ein Konzert dieser Größe organisieren. Denn die Freikarten-Affäre, von Boulevardmedien schon zum „Stones-Skandal“ hochgejazzt, könnte Karrieren vernichten und verdiente Politiker gar finanziell ruinieren. Da darf man schon einmal die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen.

Nun sollen Fehler nicht schöngeredet werden. Bei der Kartenvergabe für dieses Stück Rockgeschichte wurde offenbar gemauschelt – allerdings ohne Bereicherungsabsicht. Das hätten vermutlich viele Unternehmen und Organisationen ähnlich gehandhabt – und jeder Eingeladene gern genutzt. Viele, die heute in der Öffentlichkeit zu Ganoven gestempelt werden, haben die Karten bezahlt und glaubten, einwandfrei gehandelt zu haben.

Dummheit schützt vor Strafe nicht. Aber Strafe muss verhältnismäßig sein. Die Dimension der seit Monaten laufenden Ermittlungen, die eifrige Durchstecherei und die öffentliche Vorverurteilung diskreditieren in unangemessener Weise die Arbeit der Verwaltung insgesamt. Ist es das wert?