Meinung
Leitartikel

Die Kammerrebellen haben sich selbst zerlegt

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort des Hamburger Abendblattes.

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA / Andreas Laible

Handelskammer: Tobias Bergmann musste sein zentrales Wahlversprechen aufgeben. Warum Neuwahlen jetzt vernünftig wären.

Bereits seit Wochen wurde über diesen Schritt spekuliert, doch am Sonnabend überraschte Tobias Bergmann mit seiner Ankündigung via Twitter und Facebook dann sogar enge Wegbegleiter. Nach nur rund 20 Monaten im Amt ist der Präses der Handelskammer zurückgetreten. Nicht die Kritik aus der etablierten Wirtschaft hat ihn zu diesem Schritt bewogen, sondern die fehlende Unterstützung seiner eigenen Wahlgruppe im Plenum. Daraus machte Bergmann selbst in seiner kurzen Rücktrittsankündigung keinen Hehl. Der Mann, der sich als Reformer der altehrwürdigen Handelskammer verstand, fühlte sich von seinen einstigen Gefolgsleuten im Stich gelassen. „Die Reform muss konsequent fortgeführt werden. Für diese Aufgabe fehlt mir jedoch der notwendige Rückhalt“, schrieb er zum Abschied.

Die Rebellen von einst haben sich selbst zerlegt. Misstrauensbekundungen gegen die eigene Führungsspitze, Austritte aus dem gemeinsamen Wahlbündnis garniert mit massiven öffentlichen Vorwürfen untereinander – das war zu viel für Bergmann. Deshalb hat er nun für sich die Reißleine gezogen – ein nachvollziehbarer Schritt. Auch wenn – zum Glück – keine Guillotinen zum Einsatz kamen, kein Blut floss – so erinnert Bergmanns Ende doch ein wenig an die späte Phase der Französischen Revolution. „Die Revolution frisst ihre Kinder“, hieß es damals. Eine ähnliche Überschrift könnte heute über den Ereignissen in der Hamburger Handelskammer stehen.

Rebellen sind mit der Macht nie vernünftig umgegangen

Die Rebellen sind mit ihrer im Frühjahr 2017 gewonnenen Macht nie vernünftig umgegangen. Anfangs wollten sie zu viel, am Ende wollten viele seiner Mitstreiter – zumindest nach Bergmanns Auffassung – zu wenig. Nicht nur die internen Streitigkeiten haben den zurückgetretenen Präses geschwächt. Auch die Tatsache, dass die Gruppe „Die Kammer sind wir“ ihr zentrales Wahlversprechen, die Abschaffung der Pflichtbeiträge, aufgeben musste, wurde zum Problem. Denn vor allem diese Ankündigung war für viele Betriebe der Grund, die alteingesessene Wirtschaft, die über Jahrzehnte am Adolphsplatz regierte, abzuwählen.

Was bleibt von Bergmanns kurzer Ära? Der etwas andere Präses – das kann man ohne Übertreibung festhalten – hat die Handelskammer Hamburg bundesweit so bekannt gemacht, wie es keiner seiner Vorgänger schaffte. Auf der Habenseite kann Bergmann sicherlich verbuchen, dass die Arbeit der Wirtschaftsvertretung deutlich transparenter geworden ist. Dafür steht unter anderem die Entscheidung, die Öffentlichkeit zu den wöchentlichen Plenumssitzungen zuzulassen. Das Problem dabei: Vor allem durch diese Transparenz wurden viele interne Streitigkeiten erst publik.

Inhaltlich konnte Bergmann in den vergangenen 20 Monaten jedoch keine Akzente setzen. Man hatte den Eindruck, dass die Kammer als ehemals wichtiges Sprachrohr der Wirtschaft auf stumm geschaltet wurde. Vielleicht bewusst, vielleicht aber auch, weil sich die Führung wegen ihrer internen Konflikte selbst lähmte.

Neuwahlen wären nun der sauberste Weg. Denn die Rebellen haben nicht nur ihr zentrales Wahlversprechen gebrochen. Sie haben mit Bergmann zudem denjenigen verloren, der wie kein anderer für das Bündnis „Die Kammer sind wir“ stand. Die Revolutionären von einst sind gescheitert. Sie müssen sich nun mit neuen Köpfen und Inhalten positionieren – und sich dann dem Votum der Hamburger Wirtschaft stellen.