Meinung
Deutschstunde

Manche Wörter verschwinden aus dem Alltag

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Dafür rücken im Duden andere Begriffe nach. Das Schimpfwort „Saaltouristen“ ist allerdings in Hamburg allein zu Haus.

Ein Saal ist ein großer Raum, in dem man tanzen, Musik machen, Versammlungen abhalten oder den Presseball feiern kann. Der Große Saal in der Elbphilharmonie ist darüber hinaus eine viel bestaunte Kreation, die ein bisschen in den Rang eines Weltwunders geschrieben wird. Weltwunder ziehen Reisende an, die fremde Orte und Wunder kennenlernen wollen. Solche Leute nennt man Touristen. Wenn wir die beiden Wörter „Saal“ und „Touristen“ koppeln, erhalten wir das Kompositum Saaltouristen.

Dieser Begriff durchzog kürzlich eine Ausgabe des Abendblatts von der Seite 1 über den Leitartikel bis zum Kulturteil – allerdings in überaus negativer Hinsicht, man kann fast sagen, als Schimpfwort. Während eines Jazz-Konzerts in der Elbphilharmonie hatten viele Besucher den Saal verlassen, erst einer, dann ganze Reihen und Besucherblöcke. Diese Leute zeigten, dass sie mehr an der Architektur als an der Kultur interessiert waren. Das geriet für die Künstler zur Beleidigung. Schließlich ist die Elbphilharmonie nicht das Volksparkstadion, in dem die Zuschauer vor dem Abpfiff zu den Ausgängen strömen, wenn der HSV in der 85. Minute 0:5 zurückliegt.

Die Kollegen vom Feuilleton waren über den Elbphilharmonie-Exodus in Jazz jedenfalls derart empört, dass sie die Bezeichnung „Saaltouristen“ erfanden. Neue Wörter gehören in den Duden, dieses aber (noch) nicht. Das elektronische Dudenkorpus kennt mittlerweile mehr als 4,5 Milliarden Wortformen aus Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, aber auch aus Romanen und Gebrauchstexten wie zum Beispiel Bastelanleitungen. Wir fordern, den Begriff „Saaltouristen“ ebenfalls aufzunehmen, damit wir in Hamburg künftige Jazz-Konzerte in der Elbphilharmonie wenigstens rhetorisch absichern können.

Doch Neuaufnahmen müssen über einen längeren Zeitraum in verschiedenen Medien präsent gewesen sein, um von der Dudenredaktion ausgewählt zu werden. In der aktuellen Auflage waren das zum Beispiel der Hoodie und der Undercut. Hoodies sind Kapuzenpullover, die vor Kälte schützen, sich aber auch zur Vermummung eignen, und ein Undercut ist eine Frisur, bei der an Schläfen und im Nacken kaum Haare zurückbleiben. Statt zu trainieren, fliegen manche Fußballspieler nach Paris, um sich den Scheitel nicht nur ziehen, sondern auch ausrasieren zu lassen.

Der „Urduden“ von 1880 enthielt gerade einmal rund 27.000 Einträge. Bis heute ist die Zahl der aufgenommenen Stichwörter auf 145.000 gestiegen. Um Platz für Neuaufnahmen zu schaffen, müssen in jeder Auflage Wörter gestrichen werden, die einmal wichtig waren, die zu anderer Zeit aber nicht mehr gebraucht wurden oder die nicht mehr gebraucht werden durften. Peter Graf hat ein Buch mit dem Titel „Was nicht mehr im Duden steht“ vorgelegt (Duden, 223 Seiten, 15 Euro), das einen spannenden Einblick in 140 Jahre deutscher Sozial-. Kultur- und Sprachgeschichte bietet.

So verzichtete der Duden von 1934 auf den Anteil der deutschen Juden an der deutschen Kultur. Das ging bis in die Botanik: Der Judenbart (eine Zierpflanze) verschwand. 1947 erfolgte umgekehrt eine Art sprachlicher Entnazifizierung. NS-Ausdrücke wie Arbeitsdienst, Blutfahne, Eintopfsonntag oder Napola wurden getilgt. Selbst der Name „Hitler“ tauchte nicht mehr auf (bis heute). Der wiedervereinigte Duden von 1991 verzichtete auf DDR-Vokabular wie Blauhemd, Hausvertrauensmann oder Kaderakte, aber auch im Westduden auf Hüttenkombinat oder Berufswettbewerb.

Kleider machen Wörter. So entbehren wir den Überschwupper (Pullover, 1941), den Leibrock (2000) und erst seit 2013 den Autocoat. Auch beim Essen gab es Einbußen. Die Naschdose passte 1941 nicht zur Kriegswirtschaft, das Zugemüse heißt jetzt Gemüsebeilage, und der Weckapparat ist endgültig vom Tiefkühlschrank abgelöst worden. Übrigens weckte dieser Apparat nicht auf, sondern ein und war ein Produkt der Firma Weck.

Unsere Saaltouristen dürften trotz der Streichungen kaum Chancen auf Berücksichtigung haben. Und das ist auch gut so, wenn sie versprechen, demnächst wenigstens bei der „Neunten“ sitzen zu bleiben.

deutschstunde@t-online.de