Meinung
Leitartikel

Der HSV ist der Anti-FC-Bayern

Wie Bayern München veröffentlichte auch der HSV gestern die Bilanz. Schön ist die nicht.

Die Bilanzzahlen für die Saison 2017/18, die gestern Vormittag um kurz nach 11 Uhr die Runde machten, konnten sich tatsächlich sehen lassen: Gesamteinnahmen in Höhe von 657,4 Millionen Euro. Ein Jahresüberschuss nach Steuern von 29,5 Millionen Euro, wovon 22 Millionen Euro auf die Fußball-AG entfallen. Der einzige Haken an dieser schönen Erfolgsgeschichte: Es waren die Bilanzzahlen des FC Bayern München. Erst anderthalb Stunden später stellte auch die HSV Fußball AG ihren Jahresabschluss vor – mit allerdings grundverschiedenen Zahlen: Umsatzerlöse von 133,6 Millionen Euro mit einem Jahresfehlbetrag von 5,8 Millionen Euro. Es ist – und das ist wohl einmalig im Profifußball – Hamburgs achtes Minus in Folge.

Nun braucht man keine Bilanz- und Kommazahlen, um die Welten, die zwischen dem HSV und dem FC Bayern München liegen, erkennen zu können. Die direkten Duelle auf dem Platz in den vergangenen Jahren haben da schon gereicht. Und doch zeigte dieser Dienstagvormittag einmal mehr sehr anschaulich auf, dass zwischen den einstigen Nord-Süd-Rivalen statt Welten mittlerweile Galaxien liegen.

Dabei ist es gerade einmal fünf Jahre her, als man beim HSV doch unbedingt wieder ein wenig näher an diese übermächtigen Bayern heranrücken wollte. Bei der Vorstellung der Ausgliederungsinitiative „HSV Plus – Aufstellen für Europa“ hatte der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Otto Rieckhoff als Ziel ausgegeben, ab sofort den Bayern nacheifern zu wollen. „Wir sehen nicht mehr tatenlos zu, der HSV hat ein Negativ-Image. Wir wollen finanziell wieder handlungsfähig werden und unsere Mannschaft verstärken können“, kündigte Rieckhoff an.

Nun, fünf Jahre Überlebenskampf, zwei Relegationen und ein Abstieg später ist mehr als klar, dass all die Pläne von einst gescheitert sind. Der HSV hat Verbindlichkeiten in Höhe von 85,5 Millionen Euro, die – und das ist die gute Nachricht des Tages – immerhin im Vergleich zum Vorjahr um rund 20 Millionen Euro abgebaut werden konnten. Vom berühmt-berüchtigten Festgeldkonto, mit dem der FC Bayern immer dann droht, wenn er mal zwei Spieltage lang nicht Tabellenführer ist, kann der HSV aber weiter nur träumen.

Doch schon in der Schule früher brauchte man eine kreative Ausrede, wenn man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Im Fall des HSV heißt diese Ausrede: personelle Freistellungen. Gemeint sind Trainer, Sportchefs und Vorstände, die längst nicht mehr für den HSV arbeiten, aber noch immer gerne und vor allem fürstlich entlohnt werden. Aktuell zahlt der HSV parallel gleich vier Trainerstäbe (Gisdol, Hollerbach, Titz und Wolf). Rechnet man nun all die Prämien und Gehälter dieser Ex-Trainer, Ex-Co-Trainer, Ex-Sportchefs und Ex-Vorstände zusammen, kommt man auf die bescheidende Summe von 5,4 Millionen Euro, die das Jahresergebnis 2017/18 nicht unwesentlich belastet.

Die „Bild“-Zeitung hat dann aber doch noch eine Verbindung zwischen dem HSV und dem übergroßen FCB gefunden. „In der Zweiten Liga sind wir die Bayern“, titelte die Boulevardzeitung vor zwei Monaten. Und zumindest bei den Personalkosten, auch das zeigt der Jahresabschluss 2017/18 eindrucksvoll, ist der HSV mit 74,8 Millionen Euro alles andere als zweitklassig.