Meinung
Deutschstunde

Solange Kevin auf dem Kopf steht, steht er kopf

Die Rechtschreibung verlangt mehr als die simple Buchstabenfolge. Die Wörter sind auch von Regeln abhängig.

Es gibt Leute, die lernen die Schreibweise von 3000 Wörtern auswendig wie Vokabeln, um die Meisterschaft beim Diktatwettbewerb zu gewinnen. Von dieser Methode ist abzuraten, denn selbst wenn Sie sich alle 145.000 Stichwörter der 27. Auflage des Rechtschreibdudens einprägten, würde Ihr Diktat von Fehlern wimmeln. In orthografischer Hinsicht besteht ein Wort nicht allein aus einer Zeichenfolge, sondern ist mit verschiedenen Regeln belegt – oder belastet, wie mancher seufzend hinzufügen wird. Ein einzelnes diktiertes Wort offenbart in vielen Fällen noch nicht seine Schreibweise. Wir müssen das Gehörte beim Übertragen in die Schriftsprache untersuchen, ob es groß- oder kleingeschrieben, ob es getrennt oder zusammengeschrieben wird oder ob es sich gar um ein unfestes Verb handelt, dessen Präfix (Vorsilbe) irgendwo durch den Text irrt.

Fangen wir mit dem Letzteren an, mit der Wortspaltung, die fachsprachlich die Tmesis genannt wird. Diesen Fachbegriff brauchen Sie sich nicht zu merken, müssen aber auf der Hut sein, wenn Sie zum Beispiel folgenden Satz hören: Kevin stand zehn Minuten lang kopf. An dieser Stelle protestiert mein MS-Word-Programm und unterschlängelt „kopf“ mit einer roten Wellenlinie. Mein Computer will „kopf“ großschreiben, ich nicht. So weit reicht die künstliche Intelligenz der sogenannten „Rechtschreibprüfung“ nämlich noch nicht, um zu erkennen, dass wir es hier nicht mit dem Substantiv (Hauptwort) „der Kopf“ zu tun haben, das man in der Tat am Anfang mit einem Großbuchstaben versehen müsste, sondern mit dem Präfix des Verbs kopfstehen. Darum ziehen wir schnell in unserem Kopf folgende Regeln heran: Verben schreibt man klein, Präfixverben schreibt man zusammen, Präfixe von unfesten Verben bleiben kleingeschrieben, wenn sie sich beim Bau des Satzes (der Syntax) vom Verbstamm entfernt haben. Das gilt für viele Präfixverben, etwa eislaufen (er läuft eis), leidtun (es tut ihr leid), wundernehmen (es nimmt wunder) oder nottun (Seefahrt tut not). Im Aufsatz könnte Fritzchen sich aus der Entscheidung mogeln und schreiben: Kevin stand zehn Minuten lang auf dem Kopf (Sub­stantiv, groß). Im Diktat geht das nicht.

Übrigens gibt es auch Präfixverben, die sind fest und lassen sich nicht aus- ein­anderziehen wie Lego-Steine, sondern deren Wortteile sind untrennbar „zusammengeklebt“, etwa dienstverpflichten, punktschweißen oder sandstrahlen. Der Monteur schweißt „punkt“? Nein, er punktschweißt, so eigenartig sich das auch anhört. Ähnlich ist es mit bergsteigen. Auch dieses Verb ist festgefügt wie die Eiger-Nordwand. Ich steige „berg“? Nein, ich besteige den Berg.

Das Gute (substantiviertes Adjektiv, groß) an diesen Regeln ist, dass sie nicht nur für ein Wort gelten, sondern für Hunderte oder Tausende entsprechende Wörter. Wer rund 30 Rechtschreib- und Grammatikregeln kennt, braucht keine 3000 oder gar 145.000 Stichwörter auswendig zu lernen. Er muss die Regeln nur richtig zuordnen. Das wird für Schüler häufig schwierig sein und bei Grundschülern, die mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ verdorben worden sind, ihr Lebtag nicht klappen.

Eine große Hilfe ist es, sich zu verdeutlichen, mit welcher Wortart wir es jeweils zu tun haben. Konjunktionen (Bindewörter) schreibt man zusammen, adverbiale Fügungen schreibt man getrennt. Solange (Konjunktion, zusammen) die Schwiegermutter da ist, so lange (adverbiale Fügung, getrennt) schlafe ich auf dem Sofa. Das gilt auch für soviel/ so viel (soviel ich weiß, so viel …), soweit/ so weit, sosehr/so sehr, sooft/so oft usw.

Wann heißt es eigentlich „das“ und wann „dass“? Auch hier müssen wir die Wortarten bestimmen: Das (Artikelwort, Einfach-s) Kind, das (Relativpronomen, Einfach-s) so schrecklich weinte, dass (Konjunktion, Doppel-s) seine Mutter herbeieilte, blutete aus der Nase. Das (Demonstrativpronomen, Einfach-s) sah schlimm aus, sodass (Konjunktion, Doppel-s) das (Artikel, Einfach-s) Kleid nicht zu retten war. Ein Doppel-s bei dass finden wir also nur in einer Konjunktion, die einen Folgesatz einleitet, der die Folge oder Wirkung des im Hauptsatz genannten Sachverhalts nennt (Konsekutivsatz).

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