Meinung
Leitartikel

Merz’ CDU-Kandidatur birgt eine Chance

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

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Foto: Andreas Laible

Der Kampf um den Vorsitz in der Union strahlt auf alle Parteien aus. Merz könnte die politischen Lager zurück ins Lot bringen.

Es gibt Karrieren, die benötigen etwas Zeit. Das könnte nicht nur für den politischen Wiederaufstieg des Sauerländers Friedrich Merz aus der Versenkung an die Spitze der CDU gelten, sondern auch für die aktuelle Wahrnehmung des Kandidaten. Als er kurz nach der Ankündigung der Kanzlerin, nicht erneut für den CDU-Vorsitz zu kandidieren, seinen Hut in den Ring warf, nahmen viele die Kandidatur nicht besonders ernst. 48 Stunden später dreht sich alles um den früheren Fraktionschef der Union.

Sein Auftritt in der Bundespressekonferenz am Mittwoch stieß auf großes Interesse. Der Mann, der am Montag noch für „Zurück in die Zukunft“ stand, gilt plötzlich als Hoffnungsträger. In aktuellen Umfragen führt er das Feld mit großem Abstand vor Annegret Kramp-Karrenbauer an. Offenbar steht er für die Sehnsucht nach Zeiten, als die Welt noch überschaubar und die Union noch konservativ war.

Zugleich aber birgt Merz’ Kandidatur eine Chance – er könnte die politischen Lager der Republik zurück ins Lot bringen. Die Kanzlerin Angela Merkel hat die Union in den vergangenen Jahren weit nach links verschoben – und damit das ganze Parteiensystem nach links verrückt. Es ist eineinhalb Jahrzehnte her, dass SPD und Grüne ihre Agenda 2010 beschlossen hatte – Wirtschaftsreformen, die heute nur noch die FDP unterstützt. Dafür hat die CDU-Kanzlerin mit der Aussetzung der Wehrpflicht, der Homo-Ehe, dem Mindestlohn, der Flüchtlingspolitik oder dem beschleunigten Atomausstieg eher alte Forderungen der Grünen oder Linken erfüllt. Diese Reformen haben das Land modernisiert – aber Geschwindigkeit und Ausmaß des Wandels sind in Europa einzigartig. In seiner Realpolitik etwa wirkt Frankreichs Premier Macron im Vergleich zu Merkel wie ein Konservativer.

Merz ist hilfreich für Kampf gegen AfD

Dieser Linksdrall hat der Union lange genutzt. Nun aber ist das Desaster da, das die einstige Volkspartei auf einen Wähleranteil von gut 26 Prozent hat schrumpfen lassen. Auch die SPD ist längst nicht mehr die Partei eines Steinbrück, Schily oder Müntefering, sondern wirkt eher wie eine Restsozialdemokratie unter Andrea Nahles und Kevin Kühnert. Und Olaf Scholz versucht in seiner linksgewendeten Partei mit Vorschlägen wie einem Mindestlohn von zwölf Euro zu punkten.

Merz würde die Union wieder in der Mitte und rechts davon positionieren – das nimmt der AfD die Luft und gibt der SPD Raum. Auch wenn der 62-Jährige in manchen Medien schon als „Mann des Geldes“ diskreditiert wird, ist er im Kampf gegen die AfD hilfreicher als jede Demo, jedes Großkonzert. Weil sich Merz schon 2009 aus der Politik zurückgezogen hat, ist er nicht mit der überschaubaren Leistung der Großen Koalition in Verbindung zu bringen.

Als brillanter Rhetoriker kann er die Grenzen zum Populismus austesten – als kluger Kopf aber wird er nie Populist sein. Mit seiner Weltgewandtheit besitzt er zudem außenpolitisches Profil, das seinen Gegnern fehlt.

Wahl ist eine Weichenstellung für das ganze Land

Diese Stärke im Kampf gegen die AfD wird Merz auf dem Parteitag viele Stimmen aus dem Osten bringen, die geschrumpfte Schar der Wirtschaftsliberalen unterstützt ihn ohnehin. Auch die CSU und das Schäuble-Lager dürften auf einen Vorsitzenden Merz drängen. Die Wahl ist nicht nur eine Weichenstellung für die CDU, sondern für das ganze Land.

Sollte sich die 1000 Delegierten im Dezember einen Kümmerer wünschen, der die Seele der Funktionsträger vor Ort streichelt, wird Annegret Kramp-Karrenbauer die neue starke Frau in der Union. Setzt sich aber der Eindruck durch, bei dieser Wahl geht es auch um den Kanzlerkandidaten, dürfte Merz nur schwer zu schlagen sein.