Meinung
Leitartikel

Angela Merkel: Ein Befreiungsschlag?

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Warum das Ende der Ära Merkel für die CDU Chance und Risiko zugleich ist.

Endlich! So werden etliche Leitartikel beginnen, die sich mit dem angekündigten Rückzug von Angela Merkel aus der Politik beschäftigten. Endlich hat sie es begriffen, endlich macht sie den Weg frei, endlich wird (für die CDU) alles wieder gut. Kann man schreiben, kann man finden. Doch erstens ist die Welt, vor allem die politische, so einfach nicht, wie sie in manchen Kommentaren gemacht wird. Und zweitens wird man damit der scheidenden Bundeskanzlerin nicht gerecht. Ein Punkt, der im inneren Machtzirkel Berlins kaum jemanden interessiert, der draußen im Land, bei den Wählern, aber wichtig ist.

Mag sein, dass die Ankündigung von Angela Merkel, erst auf den CDU-Vorsitz und später auf eine erneute Kanzlerkandidatur zu verzichten (mit der sowieso keiner mehr gerechnet hatte), in Teilen der CDU und bei politischen Beobachtern vor allem wie ein Befreiungsschlag wahrgenommen wird.

Was passiert da in Deutschland?

Tatsächlich schwingt in dieser historischen Entscheidung mehr mit: Ab sofort wird bei Merkel-Anhängern und -Sympathisanten eine Art Trennungsschmerz einsetzen. Im Ausland wird man vielerorts gar nicht verstehen, was da in Deutschland passiert, und warum nun ausgerechnet die mächtige und geschätzte Angela verschwindet. Und ob die CDU ohne Merkel eine bessere Zeit vor sich hat, als es die vergangenen fast zwei Jahrzehnte mit Merkel waren – wer kann das sagen?

All diejenigen, die jetzt frohlocken, vergessen gleichzeitig, dass die CDU mit ihrer Vorsitzenden und Kanzlerin eine Ausnahme-Erscheinung in ihren Reihen hat(te). Nahezu sicher ist: Jemanden zu finden, der das nachmacht, was Angela Merkel vorgemacht hatte, wird sehr schwierig.

Ein Befreiungsschlag? Für die Betroffene ist es die Entscheidung auf jeden Fall. Aber für die Partei? Wer in der CDU glaubt, dass ohne Merkel alles automatisch wieder so wird, wie es mit ihr einmal war, irrt sich.

Was macht der Kampf um den Vorsitz jetzt mit der CDU?

Wobei: Wahrscheinlich glaubt das niemand. Allen Beteiligten und gerade jenen, die künftig mehr Verantwortung tragen wollen und müssen, dürfte klar sein, dass sie vor gewaltigen Herausforderungen stehen. Das beginnt damit, dass man natürlich die Merkel-Anhänger als CDU-Wähler nicht verlieren will. Und es endet mit der Frage, was der Kampf um den Vorsitz auf dem Parteitag in Hamburg mit der CDU macht. Die Zeiten der einmütigen Entscheidungen sind auf jeden Fall vorbei, für Unions-Verhältnisse könnte es angesichts mehrerer Kandidaten um Merkels Nachfolge laut und konfrontativ zugehen.

Und das ist, auch so viel steht fest, gut so. Spannende Duelle um die Macht in der CDU tun der Partei und der Politik gut, sie beenden die kaum zu ertragende Starre, in die die beiden großen Volksparteien angesichts schlechter Umfrage- und Wahlergebnisse verfallen waren. Interessante Debatten und neue Gesichter werden die Aufmerksamkeit wieder stärker auf die CDU lenken und damit weg von anderen Parteien. Ob sich das auch in künftigen Umfragen und schließlich Wahlen niederschlagen wird, hängt von der Frau oder dem Mann ab, für den sich der Parteitag entscheidet.

Ob der ideale Kandidat unter denen ist, deren Namen bereits gehandelt werden, ist eine andere Frage. Wenn die CDU nach Merkel wirklich einen Neuanfang will, wenn sie die unübersehbare Distanz zwischen Berliner Politikblase und weiten Teilen des Wahlvolkes wirklich überbrücken will – dann muss jemand her, mit dem jetzt kaum jemand rechnet. Immerhin: Beim Kampf um den CDU-Fraktionsvorsitz ist genau das gelungen.