Meinung
Kommentar

Desaster mit tödlichen Folgen

Um Medikationsfehler zu vermeiden, brauchen wir die elektronische Patientenakte.

Der Bundeskanzler hieß Gerhard Schröder, der Bundespräsident Johannes Rau – und der Teamchef Rudi Völler. 2001 schlug die Unternehmensberatung Roland Berger vor, wichtige medizinische Daten wie Röntgenbilder oder Medikamente auf der Versichertenkarte zu speichern. Der Anlass war tragisch. Lipobay, ein Mittel, das Cholesterin senkt, hatte in Kombination mit anderen Medikamenten für Todesfälle gesorgt. Beim Skandal stellte sich heraus, dass
es kaum Aufzeichnungen über die von betroffenen Patienten eingenommenen Medikamente gab. 2004 forderte Bundeskanzler Schröder: „Die Gesundheitskarte ist ein Vorhaben, das von Anfang an funktionieren muss.“

Stattdessen geriet die Karte zum 1,2- Milliarden-Euro-Flop. Noch immer gibt es kein funktionierendes System, mit dem bundesweit Patientendaten elek­tronisch gespeichert werden. Die Folgen sind mitunter tödlich – gerade bei älteren Patienten, die oft viele unterschiedliche Pillen verschrieben bekommen. Statt auf dem Praxis-Computer sofort sehen zu können, welche Medikamente der Kranke bereits nimmt, müssen sich Ärzte auf ausgedruckte, häufig lückenhafte Medikationspläne oder Auskünfte der Patienten verlassen. Ein Unding.

Keine Frage, das Projekt elektro­nische Patientenakte ist anspruchsvoll – medizinische Daten sind noch sensibler als Kontostände oder Aktiendepots. Aber Datenschutz taugt nicht als Entschuldigung für jahrelanges Versagen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zieht nun die Daumenschrauben an. Sollten sich Kassen und Ärzte weiter blockieren, will er das Projekt an sich ziehen. Der Druck hat offenbar Erfolg, 2021 soll das Projekt endlich starten. Dann sollen die Versicherten auch auf ihren Smartphones auf ihre Daten zugreifen können. Es wäre viel zu spät. Andererseits gilt: Besser spät als nie.