Meinung
Kolumne

Diese Angst, dass alles aus ist

Annabell Behrmann

Annabell Behrmann

Foto: Andreas Laible / HA

Kennen Sie das auch? Man verbringt viele Tage und Nächte miteinander, und plötzlich geschieht es ...

Schluss. Aus. Vorbei. Von Anfang an wusste ich, dass das Ende unserer Beziehung absehbar ist. Aber ich konnte einfach nicht die Finger von dir lassen. Umso mehr schmerzt jetzt der Abschied. Denn: Wir hatten eine wundervolle Zeit zusammen. Es dauerte nicht lang, da hast du mich mit deinen Worten in den Bann gezogen. Deine Geschichten fesselten mich. Niemand erzählte sie so schön wie du. Wir haben warme Sommertage im Park verbracht. Viele Stunden gemeinsam im Bett. Wenn ich Ablenkung brauchte, warst du immer an meiner Seite. Danke. Doch irgendwann endet jedes Kapitel einmal.

Wie soll mein Leben jetzt ohne dich weitergehen? Wer liegt neben mir, wenn ich einschlafe? Und wer unterhält mich von der Arbeit nach Hause? Meine Freunde sagen, ich solle mir doch etwas Neues suchen. Ich müsse lernen loszulassen. Ja, die haben leicht reden. Aber es führt wohl kein Weg daran vorbei. Also: Tschüs, Sebastian Fitzek! Tschüs, Passagier 23! Tschüs, Lieblingsbuch ...

Die letzte Seite gelesen, die Netflix-Staffel beendet...

Zugegeben: Eventuell übertreibe ich ein klitzekleines bisschen. Aber ist es nicht wirklich so? Wenn man einen richtig guten Roman oder eine spannende Serie gefunden hat, fühlt sich das Ende fast wie eine Trennung an. So viele Stunden hat man gemeinsam gelacht, geweint und gelitten. Man fängt an, sich mit den Protagonisten zu identifizieren, schließt sie sogar ins Herz. So sehr, dass man sie am liebsten zu sich nach Hause auf eine Tasse Kaffee einladen würde.

Aber dann ist plötzlich alles vorbei. Die letzte Seite ist gelesen, die Netflix-Staffel beendet. Zurück bleiben quälende Fragen: Wie geht es jetzt weiter? Was wird aus Polizeipsychologe Martin Schwartz? Bringt er Elena ins Gefängnis? Und warum überhaupt gibt es so viele Verrückte auf einem Kreuzfahrtschiff?

Habe ich einen an der Marmel?

Liebe Leser, ich hoffe, Sie denken jetzt nicht, dass ich völlig einen an der Marmel habe (falls Sie es nach den bisherigen Kolumnen nicht eh schon denken). Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir. Je näher das Ende eines Buches rückt, desto langsamer lese ich. Die ersten Kapitel verschlinge ich, die letzten zögere ich hinaus. Es geht sogar so weit, dass ich nachzähle, wie viele Seiten mir noch bleiben. Bescheuert, oder?

Aber ich habe ein Mittel gefunden, das meinen Abschiedsschmerz lindert: Ich kaufe Bücher desselben Autors. Nach „Passagier 23“ habe ich mich mit dem „Augensammler“ und dem „Augenjäger“ von Sebastian Fitzek getröstet. Fast jedes Werk von Schnulzen-Schreiber Nicholas Sparks steht in meinem Regal. Bücherreihen helfen ebenso. Sie schieben das Ende immerhin auf.

Dennoch: Nach einer guten Geschichte fällt es mir schwer, mich auf das nächste Abenteuer einzulassen. Ich muss erst die Erlebnisse verarbeiten, um wieder bereit für etwas Neues sein zu können. Es gibt allerdings Menschen, die gleichzeitig mehrere Bücher lesen oder Serien gucken. Denen fällt die Trennung leichter, schließlich haben sie noch etwas anderes in petto. Fast wie im echten Leben, oder?

Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Schauspieler der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ („GZSZ“) werden auf der Straße immer wieder von Fans angesprochen. Manche vergessen dabei, dass die Darsteller nur eine Rolle spielen. Stattdessen warnen die Fernsehzuschauer sie vor Intrigen: „Leon hat dich mit Maren betrogen. Das Kind ist von ihm und nicht von Alexander.“

Ja, Regisseure und Autoren, die ihren Job gut machen, erwecken die Figuren in unserer Fantasie zum Leben. Ganz so durchgeknallt bin ich doch (noch) nicht. Aber: Ich steigere mich gern in Filme rein. Bis zum Heulen.

Letzte Woche war ich mit meinem Freund im Kino und habe „Book Club“ gesehen. In einer der Schlussszenen des Films (Achtung, Spoiler!) überwindet ein Ehemann seine Selbstfindungsphase, stürmt seiner Frau zuliebe auf die Bühne und steppt an ihrer Seite. Kitschiger geht’s kaum. Natürlich habe ich danach meinen Liebsten gefragt, ob er auch für mich stepptanzen würde. Sein Blick war unbezahlbar. Übrigens: Heute habe ich in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit mit einem neuen Buch angefangen, „The Last ­Piece of My Heart“ von Paige Toon. Nicht das erste Werk, das ich von ihr lese ...