Meinung
Leitartikel

Ein Hamburger Asyldorf mit Risiken

| Lesedauer: 3 Minuten
Christoph Heinemann
Der Autor ist Redakteur der Lokalredaktion des Abendblatts

Der Autor ist Redakteur der Lokalredaktion des Abendblatts

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Die große Flüchtlingssiedlung in Billwerder zeigt exemplarisch die Probleme bei der Integration.

Mit einem Handschlag im Blitzlicht schien das Gröbste schon vorbei: Vertreter von Stadt und der Volksinitiative machten ihre Kreuze unter der gefundenen Einigung – in Hamburg arbeiten Politik und Bürger bei der Integration von Flüchtlingen ab jetzt eng und effektiv zusammen, sollte das heißen. Und seitdem ist es manchmal fast unheimlich still um die Aufgaben, die noch warten – und die etwa nur eine ­S-Bahn-Fahrt zum Mittleren Landweg entfernt sind.

Die größte Flüchtlingssiedlung der Stadt ist zwar ganz und gar kein „Getto“ im Sinne von Drogen und Gewalt, aber noch eine Parallelwelt. Die Flüchtlinge sind gegenüber den Bewohnern im Stadtteil nahezu doppelt in der Überzahl. Die komplette Nahversorgung hängt an einem freundlichen Mann in seinem Bahnhofskiosk. Kleingärtner wären die ersten Kontaktmänner für täglichen Kontakt, aber fühlen sich überrumpelt und gegängelt.

Integration mit der Brechstange?

Rechtliche Hürden verhindern, dass die Zahl der Bewohner von 2500 zeitnah auch nur annähernd auf die anvisierten 300 Menschen aus dem Bürgervertrag reduziert werden kann.

Der beste Plan, der bislang vorliegt, um für eine echte Durchmischung des Quartiers zu sorgen, ist die blockweise Ansiedlung von Zollanwärtern oder Krankenschwestern in Ausbildung. Auch das wäre Integration mit der Brechstange. Dass sich ansonsten bald Hamburger in größerer Zahl bereit erklären, sich unter die Bewohner zu mischen, muss bezweifelt werden.

Es ist vor allem ein Jammer für die Flüchtlinge vor Ort, denen einstweilen kitschiger Schmuck oder ein kleiner Tannenbaum bleiben, um in ihrem Zuhause ein Gefühl von deutschem Leben zu simulieren. Wer alleinstehend ist und schnell Arbeit findet, hat noch die besten Karten, die Neubaufassaden gegen eine Wohnung näher der Mitte der Mehrheitsgesellschaft einzutauschen. Die Sozialarbeiter in der Unterkunft bemühen sich nach Kräften, da sind weder massiver Unfrieden noch Resignation bei den Bewohnern – nur viel mehr ist auch fast nicht zu leisten.

Hamburgs Osten besonders belastet

Es ist richtig, dass der Flüchtlingskoordinator Sprandel und sein Stab ein besonderes Augenmerk auf die Situation in Billwerder haben, dort auch diverse zusätzliche Angebote wie Sprachkurse und Besuche von Wohnungslotsen anbieten. Damit werden jedoch Probleme abgefedert, zu denen die Stadt mit ihren eigenen Entscheidungen beigetragen hat. Man ging einer Neiddebatte auf dem Wohnungsmarkt aus dem Weg und gleichzeitig ein Wagnis ein, als man zunächst sogar 4000 Flüchtlinge für 15 Jahre im strukturschwachen Billwerder ansiedeln wollte.

Auch an weiteren Standorten sind die Unterkünfte und ihre Bewohner auch drei Jahre nach der großen Krise nicht „verwachsen“ und noch Fremdkörper. Der Osten der Stadt ist besonders belastet. Die Aufgabe für die Politik liegt darin, den betroffenen Stadtteilen im Gegenzug auch strukturell zu helfen – etwa bei der Ansiedlung von Ärzten, Supermärkten und Geschäften.

Eine lebendige Umgebung ist auch die einzige Chance, deutschen Mietern das Leben in den Siedlungen schmackhaft zu machen. Und es braucht Wohnungen in der entsprechenden Größe, damit Flüchtlingsfamilien die Unterkünfte verlassen können. Schon von gescheiterter Integration am Mittleren Landweg zu sprechen ist auch deshalb falsch, da fast ein Drittel der Bewohner noch Kinder sind. Je mehr Möglichkeiten die Stadt für sie bereithält, desto höher sind auch die Chancen auf eine Erfolgsgeschichte in Billwerder.

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