Meinung
Deutschstunde

Manches Mal ist das Wörterbuch recht zweideutig

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Ein paar Bemerkungen über Druck, Drücke, Drucks, über vollkommene Werke sowie rechte und linke Sachsen.

Es war schon früher bei den Klassenarbeiten so: Wer Fehler machte, musste sie berichtigen – fein säuberlich im Diktatheft. Wer heute in einer Kolumne einen Fehler macht, hat gleich ein Thema für die „Deutschstunde“ der folgenden Woche. Ich hatte, und zwar ohne Bezug zu den Krawallen in Chemnitz und ohne Hinweis darauf, dass es in der Geschichte Sachsens nicht nur rechte, sondern auch reichlich linke Fieslinge gegeben hat, den damaligen SED-Generalsekretär Walter Ulbricht aus Leipzig mit dem Satz aus dem Jahre 1961 zitiert: Niemand hat die Absicht, eine Mauer „zu bauen“. Ulbricht ließ die Mauer in Berlin ab dem 13. August 1961 dennoch bauen, aber bei seiner perfiden Verschleierung einige Wochen vorher benutzte er nicht die Fügung „zu bauen“, sondern „zu errichten“.

Ich habe aus dem Kopf zitiert, ich habe mich bei dem Verb geirrt, und ich bedaure das. Zwar geriet die Berliner Mauer um keinen Deut besser, weil sie nicht „gebaut“, aber „errichtet“ worden war, zwar ging es mir nicht um den Mauer„bau“, sondern um den Beweis, dass böse Sätze im unbeliebten sächsischen Dialekt noch böser klingen können, doch natürlich: Zitate müssen korrekt zitiert werden. Ein Dutzend Leser wiesen mich darauf hin, wofür ich dankbar bin. Doch ein Zeitgenosse wurde ausfallend, schob als Beispiel gleich noch ein Hitler-Zitat nach und stellte höhnisch die Frage: „Fehlen Ihnen In­strumente des Internets wie Google oder YouTube?“ So bitte nicht!

Drücke? Drucke? Oder Drucks?

Nun zum eigentlichen Thema des Tages. Wie lautet der Plural des Sub­stantivs „der Druck“ – die Drücke, die Drucke oder die Drucks? Das kommt darauf an. Den Druck gibt es nämlich doppelt im Wörterbuch. Die beiden Einträge haben eine unterschiedliche Wortbedeutung und demnach auch eine unterschiedliche Etymologie (Herkunft). Es gibt einmal den Druck, der vom Verb drücken abgeleitet worden ist. Wir finden ihn zum Beispiel im Händedruck, Blutdruck oder Konkurrenzdruck. Seit Gutenberg wird beim Drucken zwar auch das Papier an die Druckform gedrückt (gepresst; „die Presse“), aber dieses Verb heißt nicht drücken, sondern drucken. Das gleichlautende Substantiv finden wir etwa in Neudruck, Abdruck oder Farbdruck.

Es wäre praktisch, wenn alle Sub­stantivierungen der beiden Verben die gleichen Plurale hätten. Dem ist leider nicht so. Immerhin gibt es Tendenzen. So haben die drücken-Substantive meistens den Plural Drücke (Händedrücke, Eindrücke); lediglich in den Fachsprachen der Technik und der Medizin kommt zusätzlich auch Drucke vor (Gasdrücke oder Gasdrucke, Blutdrücke oder Blutdrucke).

Die drucken-Substantive weisen durchgängig den Plural ohne Umlaut auf (Vordrucke, Aufdrucke, alte Drucke). Ein dritter Plural taucht auf, wenn nicht auf Papier, Folien, Getränkedosen oder sonst wohin gedruckt wird, sondern auf Textilien: die Drucks – Hemden in neuen Drucks, T-Shirts mit schicken Drucks.

Vollkommen unterschiedlich

Eine weitere Worterklärung. Das Adjektiv vollkommen hat ebenfalls zwei verschiedene Bedeutungen, die im Sprachgebrauch in aller Regel durch unterschiedliche Akzentuierung von­einander getrennt werden. In der Bedeutung „ohne Fehler“ (ein vollkommenes Kunstwerk; kein Mensch ist vollkommen) ist die zweite Silbe akzentuiert [voll'kommen]. In der Bedeutung „vollständig, völlig“ (ich bin vollkommen deiner Meinung; die Freude vollkommen verderben) ist die erste Silbe akzentuiert ['vollkommen].

Noch ein Stolperstein? Beim Wort mal gilt es zu unterscheiden, welche Funktion es im Satz hat. Groß schreibt man, wenn es sich um das Substantiv das Mal, Plural die Male, handelt, also um eine Zähleinheit für Ereignisse: das erste Mal, ein einziges Mal, beim zweiten Mal, manches Mal, vier Mal Karussell fahren, ein paar Dutzend Mal versuchen. Klein schreibt man, wenn es um die verkürzte Form des Abtönungspartikels einmal geht: Komm doch mal vorbei. Das lässt sich nun mal nicht ändern. Kleingeschrieben wird auch das Adverb mal, das als Ausdruck der Multiplikation dient: Zwei mal drei ist sechs.

Übrigens heißt es „ist sechs“, nicht etwa „sind sechs“.

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