Meinung
Zwischenruf

Tapferer, kleiner Weihnachtsbaum

Der Autor ist Redakteur in der Lokalredaktion beim Abendblatt

Der Autor ist Redakteur in der Lokalredaktion beim Abendblatt

Foto: Birgit Schücking

Da stehst du, vom Verkehr umtost: Du bist der tapferste Weihnachtsbaum, den ich je gesehen habe. Ein emotionaler Zwischenruf.

Deutschlands tapferster Weihnachtsbaum steht mitten auf der Ludwig-Erhard-Straße in Hamburg. Eine lebensfeindlichere Umgebung für einen Weihnachtsbaum lässt sich kaum vorstellen. Die Mittelinsel, die er sich als „Wohnzimmer“ ausgesucht hat, wird Tag und Nacht vom Verkehr umtost. Es ist ein Wohnzimmer des Grauens. Autoabgase schlagen auf die Nadeln, im Sog der vorbeizischenden Lastwagen und Busse erzittert das Bäumchen immer und immer wieder.

Doch das schüttere, hüfthohe Gewächs hat sich durchs nichts entmutigen lassen, hat sich in die karge Erde gekrallt und die sieben, acht silbrigen Weihnachtskugeln, die an ihm hängen, nach Kräften beschützt.

Weihnachten 2018 – dein großes Ziel!

Und jetzt die gnadenlose Hitze. 35 Grad Celsius! Niemand gießt dich. Die Landwirte im ganzen Land wollen Geld vom Staat, weil ihnen die Ernte auf den Äckern verdorrt. Du kämpfst weiter, und ich weiß auch, welches Ziel du vor Augen hast: Weihnachten 2018!

Vier Monate und zwei Wochen musst du noch überstehen. Zehnkampf ist nichts dagegen, Triathlon ist nichts dagegen. Über all die Sportler, die an dir vorbeiradeln und -laufen, über die Schlagermove-Fans, die Demonstranten, die Michel-Besucher, die Geschäftsleute, die Reeperbahn-Touristen kannst du nur lächeln. Verrückte Welt, oder, Weihnachtsbaum?

Möglicherweise denken das die Sportler, die Schlagermove-Fans und alle anderen auch, wenn sie dich sehen. Aber ich finde, sie liegen falsch. Weihnachten ist deine Zeit. Und du kannst absolut nichts dafür, dass nicht die ganze Zeit Weihnachten ist. Du bist der tapferste Weihnachtsbaum, den ich je gesehen habe, und schon allein wegen dir freue ich mich darüber, dass es nun ein bisschen kühler wird und ein bisschen nasser. Kurz gesagt: ein bisschen weihnachtlicher.

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