Meinung
Deutschstunde

Manchmal finden wir ein Wort im Duden nicht

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Auf die Grundform kommt es an. Wenn Substantive zu Wortpaaren werden, kann sogar eine Endung schwinden.

Ein Verb steht alphabetisch in der Grundform (im Infinitiv) im Wörterbuch. Dort ist es für Nicht-Muttersprachler häufig gar nicht so einfach zu finden. Ein Ausländer, der Deutsch lernt, muss ja erst einmal darauf kommen, dass er den für die Form du hieltest zuständigen Infinitiv nicht unter „hielten“, sondern unter halten nachschlagen darf, um weitere grammatische Informationen zu bekommen – und zwischen dem richtigen und dem nicht vorhandenen Lexem (Wortschatzeinheit im Wörterbuch) lägen im Duden 20 Seiten und 60 eng bedruckte Spalten.

Die Form du hältst steht zwar als gelb unterlegter Extrakasten für die 2. Person Singular näher an der richtigen Quelle, kann aber wegen des unvermittelt auftauchenden Umlauts für Verwirrung sorgen. Wenn dann auch noch die Formen in dem Satz „Du hättest den Ball gehalten, wenn er nicht so gut geschossen gewesen wäre“ bestimmt werden sollen (Konjunktiv II, Plusquamperfekt), kann leicht der Wunsch entstehen, künftig den Kursus „Deutsch als Fremdsprache“ zu schwänzen.

Konjugation und Deklination

Um in diesem Formensalat nicht zu verzweifeln, empfehle ich Ihnen das hervorragende Duden-Taschenbuch „Grammatiktabellen Deutsch. Regelmäßige und unregelmäßige Verben, Sub­stantive, Adjektive, Artikel und Pronomen“ (14,99 Euro). Die Flexion (Beugung) der Verben nennen wir eine Konjugation, die Flexion der anderen genannten Wortarten eine Deklination. Es gibt daneben auch nicht flektierbare Wörter, etwa Adverbien (Umstandswörter: sehr, hier, etwa); Präpositionen (Verhältniswörter: an, auf, wegen) und Konjunktionen (Bindewörter: und, weil, nachdem).

Bei den Substantiven weist die Deklination diesen Wörtern ihre Stellung und Bedeutung im Satz zu. Im klassischen Fall ändern sich dabei die Endung des Substantivs und möglichst auch das Artikelwort. Im Plural wird häufig zudem der Stamm umgelautet (der Graben, die Gräben). Der Sturm (Nominativ; Subjekt) hat schwere Schäden (was?, Akkusativobjekt) angerichtet. Andere Syntax (Satzbau): Die schweren Schäden (Subjekt) des Sturms (Genitivattribut) sind noch nicht beseitigt. Um den Sturm in den Genitiv als Ergänzung und Grund für die Schäden zu setzen, bedarf es hier (aber nicht bei jedem Wort) eines Genitiv-s als Endung.

Als weiteres Beispiel sei der Drang (starker innerer Antrieb) genannt, dessen Form im Genitiv des Drangs heißt und ebenfalls eine s-Endung bekommt. Nun wollen wir die beiden Ausdrücke mit „und“ koppeln, sie in den Genitiv setzen und die beiden s-Endungen sorgfältig bewahren: „die Dichter des Sturms und Drangs“. Doch das ist falsch! Hier steht ein „s“ zu viel! Bei Wortpaaren, die als formelhafte Einheit anzusehen sind, bleibt das erste Glied ohne Flexionsendung: die Dichter des Sturm und Drangs; der Wert meines Grund und Bodens; die Verwendung seines Fleisch und Blutes.

Wenn aber weder ein Artikel noch ein Adjektiv die Substantive näher bestimmt, bleiben beide Glieder, vor allem in Wortpaaren mit schwachen Substantiven, ohne Flexionsendung. Dies geschieht besonders im Dativ und Akkusativ Singular, weil bei schwacher Flexion eine Verwechslung mit dem Plural möglich ist: die Kluft zwischen Fürst und Volk; das Verhältnis zwischen Patient und Arzt; die Beziehungen zwischen Produzent und Konsument; der Unterschied zwischen Affe und Mensch (Duden). Auch: Am Wortende nach Konsonant (nicht: Konsonanten) spricht man …; das Gesuch muss Name (nicht: Namen), Beruf und Anschrift des Antragstellers enthalten.

An Tier und Vögeln fehlt es nicht

Der Ehekrach „zwischen Herr und Frau Meier“ mag so heftig gewesen sein, dass die Nachbarn die Polizei gerufen haben, doch rein grammatisch kann der Rosenkrieg so nicht zu Protokoll genommen werden. Bei „Herrn“ ist die Endungslosigkeit nämlich nicht korrekt. Also flogen Teller und Schimpfwörter zwischen Herrn und Frau Meier.

Selbst bei Genies am Gänsekiel und Dichterfürsten in Weimar würde manchmal bei korrekter Deklination das Versmaß nicht stimmen, sodass Goethe hier beim ersten Glied aus rhythmischen Gründen auf die Endung verzichtete: An Tier und Vögeln fehlt es nicht.

deutschstunde@t-online.de

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.