Meinung
Deutschstunde

Der kleine Nagel für das Bild an der Wand

An ihm hing das Foto des alten Kaisers und hat dort lange gehangen. Über die Beschaffenheit des Verbs „hängen“.

Großvater „hing“ das Bild von Kaiser Wilhelm I. an die Wand im Flur, wo es bis zu seinem Tode „hängte“. Wir wollen hier nicht untersuchen, wessen Tod gemeint ist, und wir wollen auch verschweigen, dass der helle Fleck an der Tapete hinter dem Bild zwölf Jahre lang von einem ganz anderen Porträt verdeckt worden ist, denn hier geht es nur um die Grammatik, und die ist im ersten Satz falsch. Eine Leserin schrieb: „Nun habe ich ein dringendes Anliegen an Sie: Nehmen Sie doch mal bitte zu der Konjugation des Wortes hängen Stellung. Habe ich im Zuge der ständigen Renovierungen der Sprache etwas verpasst? Es kann doch nicht sein, dass alle anderen falsch liegen und nur ich richtig!“

Die Dame liegt richtig. Übrigens ist nur die Rechtschreibung, also die Zeichenfolge der Wörter, „renoviert“ worden (und das in viel geringerem Ausmaß, als aus dem Bauch heraus unterstellt wird), aber nicht die Flexion (Beugung) der Verben. Das Verb hängen gibt es quasi doppelt, einmal stark mit den Stammformen hängen, hing, gehangen und einmal schwach mit den Stammformen hängen, hängte, gehängt.

Standardsprachlich sind die starken Formen auf den Gebrauch ohne Akkusativobjekt beschränkt. Sie sind intransitiv, nicht auf das Objekt zielend. Das Bild hing an der Wand (wo?, adverbiale Bestimmung des Ortes). Das lässt vermuten, dass die schwachen Formen im Satz ein Akkusativobjekt benötigen. Sie sind transitiv, auf das Objekt zielend. Die Wendung „Großvater hängte“ hinge nicht an der Wand, sondern in der Luft. Dort fehlt etwas. Die Frage drängt sich auf: Was hängte Großvater wohin? Großvater hängte das Bild (was?, Akkusativobjekt) an die Wand, und meinetwegen hängte er danach seine Mütze an den Haken.

Die Mütze hing am Kleiderständer, während das Bild, das Großvater aufgehängt hatte, lange Jahre neben der Tür gehangen hat. Die Präsensformen von hängen werden sowohl transitiv als auch intransitiv gebraucht, weil sie beim Lesen gleich lauten: Das Bild hängt an der Wand. Sie hängt das Bild an die Wand.

Die Duden-Sprachberatung erklärt die Transitivität (transitive Beschaffenheit) in ihrem Newsletter so: „Als intransitiv bezeichnet man Verben, die kein Akkusativobjekt haben können, wie scheinen in Die Sonne scheint, als transitiv hingegen Verben mit einem Akkusativobjekt, das bei der Umwandlung ins Passiv zum Subjekt wird, also beispielsweise Der Hund beißt den Jungen – Der Junge wird vom Hund gebissen.

Ich fürchte, dass das Bild nicht an der Wand, sondern beim Restmüll landen wird, wenn wir jedes Mal eine morphologische Untersuchung der Transitivität vornehmen sollen, sobald wir auf das Verb hängen stoßen. Ich hatte mir als Obertertianer folgende etwas banale Eselsbrücke zurechtgelegt: Das Bild hing ruhig, Staub fangend und langsam vergilbend an der Wand, weil es sein Ziel, den Nagel an der Wand, bereits vor Jahren erreicht hatte (Zustand), während Großvater dieses Ziel, den Nagel an der Wand, zielgerichtet mit Schlägen auf Nagel und Daumen erst erreichen musste, bevor er das Bild an den vorgesehenen Platz hängte (Tätigkeit). (Ich bitte pensionierte Oberstudienräte, tief durchzuatmen, sich einen Cognac einzuschenken und darauf zu verzichten, aus didaktischer Empörung mein Postfach zu fluten.)

Leider werden nicht nur Bilder aufgehängt, sondern auch Menschen. Werden diese armen Leute nun gehängt oder gehenkt? Hier kommt das veraltete Verb henken ins Spiel, das eng mit der Tätigkeit des Henkers verknüpft ist. Eigentlich bedeutet henken „hängen machen, durch den Strang hinrichten, am Galgen aufhängen“. Der Mörder wurde verurteilt und gehenkt, heißt es historisch korrekt. Allerdings legen wir heute bei solch unschönen Schilderungen auch sprachlich keinen Wert auf die letzte Korrektheit und schreiben, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt: Der Mörder wurde gehängt, was zumindest in Deutschland verboten ist.

Zum Henken gehören wenigstens zwei Personen – der Henker und sein Opfer. Ein Lebensmüder wäre bei einem Suizid jedoch allein. Er kann sich also nicht selbst „henken“, sondern nur (aber hoffentlich nicht!) aufhängen.

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