Meinung
Deutschstunde

Die Mücken umschwirren die Körpersprache

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Als der Linienrichter Abseits „gewunken“ hatte, wurden alle so „erschrocken“, dass sie sehr „erschreckt“ waren.

Rein statistisch gerechnet nimmt meine Lebenserwartung mit 77 Jahren dramatisch ab, sodass ich mir vorgenommen hatte, alle 64 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zu sehen und die gleichzeitigen aufzunehmen. Wer weiß, wie viele Weltmeisterschaften ich noch erleben werde! Doch selbst ein Rentner kann nicht in Frieden gucken, wenn die Redaktionen in Hamburg und Berlin mitten in der Nachspielzeit ultimativ die Texte für die „Deutschstunde“ oder für „Hamburgisch“ anfordern. Dann bleibt nur, links auf dem Schreibtisch den Fernseher zu platzieren und rechts daneben den Monitor für Word und Outlook. Das führt dazu, dass ich das Fußballspiel mehr höre als sehe und an der Lautstärke der Reporter ermesse, wann es sich lohnt, einmal kurz mit dem linken Auge auf das Bild zu schielen.

Nun ist es gar nicht so einfach, sich auf Konrad Duden zu konzentrieren, wenn man an Jogi Löw denken muss. Eben hatte ich statt „Stolperstein“ versehentlich „Abseitsfalle“ geschrieben und muss mich bemühen, den Video­beweis nicht mit dem Wörterbuch zu verwechseln. Doch zum mentalen Crash kommt es, wenn alle Augenblicke in der Fernsehübertragung „gewunken“ wird. Der Linienrichter hat Abseits „gewunken“, der Trainer hat den Auswechselspieler von der Bank „herangewunken“, und bei Lothar Matthäus haben nach der Hymne alle deutschen Spieler zur Tribüne „gewunken“ – außer Özil natürlich.

Der Schrecken der Boulevard-Sprache

Ich weiß, dass ich bereits unzählige Male erklärt habe, dass das 2. Partizip von „winken“ gewinkt heißt und als schwaches Verb bestimmt weiterhin so heißen wird. Offenbar leiden die Fernsehjournalisten und auch die Fernsehjournalistin (obschon ich die Reportagen von Claudia Neumann sonst gern höre) an einem epidemischen Gewunke in Russland, was unmöglich von der dortigen Mückenplage ausgelöst sein kann. Vielleicht könnte einmal einer der vielen Helfer, deren Namen minutenlang im Abspann durch das Bild laufen, darauf hinweisen, dass zu einer guten Reportage nicht nur das Verständnis der Körpersprache, sondern auch der deutschen Sprache gehört.

Ich bin immer ein wenig vorsichtig, um im Glashaus nicht mit den falschen Steinen zu werfen. Trotzdem lässt sich der Hinweis auf die gedruckten Kommentare nicht vermeiden, womit wir wieder bei Lothar Matthäus wären (obwohl­ ein freier Kolumnist, von mir abgesehen, weder seinen Text noch die Überschriften selbst formuliert). Über Lothars durchaus sachkundigen Ausführungen stand bei bild.de in großen Lettern: „Das hat mich am meisten erschrocken“. Mich hat das derart erschreckt, dass ich selten so erschrocken war. Unter Journalisten hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus, doch während ich überlegte, wie ich den Kollegen einen dezenten Hinweis geben könnte, muss dort eine Volontärin eingegriffen haben. Jetzt ließ man Lothar unter der Überschrift „Zehn Fehler, die mich erschrocken haben“ erscheinen. Wer noch immer keinen Schreck bekommen hat, ist gegen den Schrecken der Boulevard-Sprache immun.

Wasser nur im Singular?

Apropos „Glashaus“: Ich hätte das Wasser nicht als Singularetantum bezeichnen dürfen. Ein Singularetantum ist ein Hauptwort, das nur (lat. tantum) in der Einzahl (lat. singularis = zum Einzelnen gehörig) vorkommt, etwa Armut, Durst, Hunger, Ruhe, Schutz, Überfluss, Wehmut. Ich kann mir zwar semantisch keinen Plural zum Wasser vorstellen, das ungeformt und unangefasst aus dem Hahn strömt, aber der Duden und einige Leserinnen weisen auf Marcel Pagnols Roman „Die Wasser der Hügel“ oder auf die stillen Wasser hin, die bekanntlich tief sind. Im Plural geht es wohl eher um Wassermassen, Fluten, Gewässer. Ganz ohne Plural kommt das Wort Wasser übrigens aus, wenn es für eine Flüssigkeit steht, die sich im menschlichen Körper bildet, wenn es also als Synonym für Schweiß, Tränen oder Urin steht: Seine Bemerkung trieb ihr das Wasser in die Augen. Ihm troff das Wasser von der Stirn. Spezialwässer und Mineralwässer bekommen sogar einen Umlaut.

Wie heißt eigentlich der Plural zu Singularetantum? Singulariatantum. Und Wörter, die nur im Plural vorkommen? Pluraliatantum.

deutschstunde@t-online.de

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.