Meinung
Kommentar

Einfach die Fußball-WM genießen

Warum das Turnier in Russland so wichtig für so viele ist.

Einer meiner Kollegen nimmt sich bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft Urlaub, um alle Spiele live zu sehen, auch Panama gegen Tunesien. Früher habe ich das nicht verstanden und bei jenen eingestimmt, die den Kollegen nicht nur für fußball-, sondern gleich für komplett verrückt erklärt haben. Heute muss ich zugeben: Ich bin ein wenig neidisch auf ihn – und traurig über jedes WM-Spiel, das ich verpasse.

Und das sagt einer, der sich sonst nur mäßig für Fußball interessiert. Warum ist das bei einer Weltmeisterschaft anders? Was macht dieses Ereignis mit meinem Kollegen, mit mir und mit Milliarden Menschen auf der Welt?

Eine These vorweg: Es geht auch, aber eben nicht nur um das Abschneiden der eigenen Mannschaft – sonst würde in Italien und Holland in diesen Tagen ja niemand den Fernseher anschalten. Nein, der Kern der Begeisterung ist ein anderer: Dieses Turnier bringt wie nichts sonst auf der Welt die Menschen zusammen. Für rund vier Wochen haben sie alle – na gut: die meisten – ein gemeinsames Thema, eine ähnliche Zeitrechnung. Für rund vier Wochen beschäftigt man sich tatsächlich mal mit den Eigenarten anderer Länder und Nationen, auch wenn sie nur über den Sport transportiert werden.

Man kann viel lernen bei scheinbar profanen Fußballspielen, zum Beispiel, dass für iranische Frauen in der Heimat der Stadionbesuch verboten ist, sie aber in Russland selbstverständlich – und ohne Kopftuch – auf der Tribüne sitzen. Man schließt neue Freundschaften, wenn man mit den Isländern zittert oder sich mit den Senegalesen darüber freut, dass endlich auch mal eine afrikanische Mannschaft gewinnt. Und man überdenkt sein Russland-Bild, wenn man die Stimmung in den Stadien sieht und die Reportagen aus dem riesigen Land liest. Russland ist eben doch viel mehr als Putin …

Ja, der Fußball und die WM sind in Teilen wahnsinnig kommerziell, und es ist natürlich seltsam, wenn Cristiano Ronaldo für seine Tore gefeiert wird, als hätte es die millionenschwere Steuerhinterziehung des Portugiesen nicht gegeben. Und dennoch: Wenn die Welt besser werden soll, als sie es im Moment ist, brauchen wir Ereignisse wie diese Weltmeisterschaft. Weil man zwar gegeneinander spielt, aber auch miteinander feiert. Und weil es sich für einen Monat so anfühlt, als stünde die Zeit still. Die WM hat etwas Entrücktes, sie ist wie eine Atempause in einer ansonsten atemlosen Zeit, in der das Gegen­einander leider immer wichtiger wird. Und im Fair Play viel zu selten eine Rolle spielt, weil immer mehr Nationen es für klug halten, erst an sich und dann an andere zu denken.

Bei der Weltmeisterschaft ist der Einzelne nichts und das Team alles; die Faszination des Turniers entsteht allein durch die Verschiedenartigkeit der Teilnehmer und durch ihre Bereitschaft, sich in einem fairen Wettstreit miteinander zu messen. Dabei können dann die Kleinsten die Größten sein und die Größten die Kleinsten. Gute Verlierer sind wertvoller als schlechte Sieger, und überhaupt kommt es darauf an, dass man sich am Ende trotz aller sportlichen Rivalität in die Augen sehen und für ein nächstes Treffen verabreden kann.

Die WM bringt uns nicht nur anderen Nationen näher, sie bringt auch die Deutschen zusammen: Wann ist es so leicht, mit Nachbarn und Kollegen ins Gespräch zu kommen wie jetzt? Wann kann man so herrlich streiten und diskutieren, immer in der Gewissheit, dass es zum Glück nicht um große Politik, um Krieg oder Frieden, sondern nur um Fußball geht?

Genießen wir es – und freuen uns, dass es solche magischen Momente wie den am späten Sonnabendabend gibt. Das (Fußball-)Leben kann so kroosartig sein ...