Meinung
Glosse

Ich will Boateng als Nachbarn

Früher war nicht alles besser, aber vieles war gut. Zum Beispiel die Partystimmung, die (auch) auf Hamburgs Straßen während einer Fußball-Weltmeisterschaft herrschte: Deutschland-Fähnchen an gefühlt jedem zweiten Auto, randvolle Fans in Deutschland-Trikots in überfüllten Kneipen vor Großbildfernsehern, die im Kollektiv bibberten oder jubelten. „Früher“ heißt in diesem Fall 2014, als „Die Mannschaft“ in Brasilien Weltmeister wurde, als alle am Ende ihr Glück in den Hamburger Regen herausbrüllten – und Fußball trotz aller Korruptionsaffären, Ablösesummen, Spielergehälter und Ganzkörpertätowierungen immer noch ein Spiel war.

Aber in nur vier Jahren hat sich einiges geändert: So ist es für einen Großteil der 80 Millionen Bundestrainer hierzulande viel wichtiger geworden, dass ein Spieler die Nationalhymne vor dem Anpfiff mitsingt, als dass er den öffnenden Steilpass in die Mitte beherrscht. Das gilt vor allem für deutsche Ballkünstler mit Migrationshintergrund. Doch übersehen diese ganz speziellen Fußballexperten, dass es sich beim Fußball in erster Linie um ein „Fehlerspiel“ handelt – wobei all diese Fehler (auch solche, die einem Özil und einem Gündogan außerhalb eines Stadions passiert sind) irgendwann einmal abgehakt sein sollten. Im Jahr 2018 anscheinend nicht mehr.

Doch dann versenkte Toni Kroos am Sonnabend in der 94. Minute einen Freistoß zum 2:1 im schwedischen Tor und sorgte dafür, dass „Die Mannschaft“ nicht vorzeitig aus dem WM-Turnier flog. Dies war einer dieser „magischen Momente“, die all den Hass und die Häme, die in den vergangenen Wochen über dem Team ausgekippt wurden, vergessen ließen. Fußball ist eben doch ein kroosartiges Spiel. Und auch wenn Boateng wegen zweier blöder Grätschen vom Platz geflogen ist: Ich würde ihn trotz seiner Fehler nach wie vor gerne als Nachbarn haben.