Meinung
Schumachers Woche

Warum reimt sich Fifa fast auf Mafia?

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Foto: Reto Klar

Mein WM-Fieber ist dramatisch abgekühlt. Vielleicht hilft es, wenn Senegal ins Halbfinale kommt.

Ich war zehn Jahre alt, als ich erstmals den Ausnahmezustand namens „WM“ wahrnahm. Wir guckten das Finale 1974 bei den Nachbarn, deren neuer Farbfernseher unwirklich grünen Rasen zauberte. Es war die Zeit, als beim Abspielen der Hymne peinliches Schweigen herrschte. Wir seien nicht für ein Land, erklärte mein Vater, sondern für die Mannschaft, die den besseren Fußball spiele.

Mangels eigener fußballerischer Talente solidarisierte ich mich mit Torwarten: Nach dem großartigen Schweden-Keeper Ronnie Hellström hätte Ikea eigentlich eine sieben Meter breite Regalwand benennen müssen, der Pole Jan Tomaszewski galt als Elfmetertöter, und Sepp Maier fand ich lustig, während ich mich vor dem grimmigen Paul Breitner fürchtete. Die Welt müsse ziemlich klein sein, dachte ich damals, wenn Deutschland und Holland das Endspiel einer Weltmeisterschaft bestritten. Die WM als Triumph naiver Begeisterung.

Mein Fußballfieber ist dramatisch abgekühlt

Elf Weltmeisterschaften später ist mein Fußballfieber dramatisch abgekühlt. Bei russischen Siegen denke ich an Doping, das Milliardengeschäft mit den Wetten riecht nach Korruption, „Fifa“ und „Mafia“ reimt sich fast. Ich mag keine hysterische WM-Reklame sehen und verabscheue Debatten wie die um die ZDF-Moderatorin Claudia Neumann oder den Spieler Mesut Özil, weil es wenig um Leistung geht, sondern viel zu oft um Ressentiments. Das selbstgerechte Faseln von Experten aus der Basler-Klasse ist nicht lustig, sondern tragisch. Im Schatten der globalen Inszenierung verschwinden die Realitätsreste.

„Disruption“ ist das Modewort dieser Tage und genau das, was diese WM braucht: Überraschendes, Unkalkuliertes, Unberechenbares. Ich wünsche mir Island im Halbfinale, dazu Kroatien, Senegal und die iranischen Kicker, deren Spiele die spaßgebremsten Mullahs in Teheran angeblich äußerst skeptisch sehen. Und am Tag nach der WM erklären die vier Teams einmütig, dass sie die Scheich-Show 2022 in Katar boykottieren werden.