Meinung
Deutschstunde

Warum der Hund an der Kommode das Bein hob

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Den Grund erklärt ein Kausalsatz. Ferner drei Regeln zur Zeichensetzung und das Komma bei Toni Kroos

Wenn ich heute noch einmal auf das „Diktat“ vom 29. Mai an dieser Stelle zurückkomme, so deshalb, weil die Fragen aus der Leserschaft zu den rund 60 Stolpersteinen, die ich eingebaut hatte, nicht enden wollen. Einige davon müssen wir abarbeiten. Obwohl ich mich der 500. Folge meiner „Deutschstunde“ nähere, geht mir ansonsten der Stoff nicht aus. Die deutsche Sprache bietet unglaublich viele Ecken und Winkel, über die man genüsslich plaudern kann.

Doch nicht nur die Sprache selbst, auch diejenigen, die die Sprache gebrauchen, um sie ideologisch zu missbrauchen, ohne sie zu verstehen, füllten in den letzten Wochen die Spalten aller Publikationen. Es juckt in den Fingern, um mit aller Süffisanz Glossen und Satiren über den Kampf um den Gender-stern (Vorsicht! Maskulinum!) und Genderstern*innen zu verfassen.

Die Dudenredaktion witterte eine neue Auflage und das große Geschäft, der dubiose Rat für deutsche Rechtschreibung stellte während seiner Tagung in Wien fest, dass er noch uneiniger war als die CDU und CSU in Berlin, nur der ARD-Text in Potsdam führte den Gender-stern für einen Tag ein.

Vor sondern steht immer ein Komma

Dann lasen wir, dass jemand in Australien von fünf Polizist*innen abgeführt worden war, obwohl nur männliche Ordnungshüter im Einsatz waren. Wer bei jeder Gelegenheit das weibliche Element „sichtbar“ machen will (wogegen ja im Prinzip nichts einzuwenden ist), muss aufpassen, dass er nicht etwas ganz anderes sichtbar macht.

Aber zurück zu unserem Manuskript. Die gesamte Zeichensetzung (Interpunktion) lässt sich auf 110 Zeilen nicht darstellen. Ich empfehle für Wissbegierige das Duden-Taschenbuch „Komma, Punkt und alle anderen Satzzeichen“, in dem Sie für 15 Euro auf 256 Seiten 300 Regeln und Ausnahmen von diesen Regeln dargeboten bekommen.

Hier sollen nur drei Unklarheiten angesprochen werden: Vor sondern steht immer ein Komma! Immer! „sondern“ ist ein Adversativ, das einen Gegensatz ausdrückt. Dieser Gegensatz wird durch ein Komma abgetrennt: Deutsch ist nicht leicht, sondern überaus schwierig. In Ihrem Gehirn und in Ihren Fingern auf dem Keyboard muss folgender Algorithmus (Befehlsablauf) zum Reflex werden: Komma, Leertaste, „sondern“.

Wann als mit einem Komma steht

Die Konjunktion (das Bindewort) als vergleicht zwei Satzteile nach einem Komparativ (1. Steigerungsstufe). Dann steht kein Komma: Paul ist größer als Fritz. Toni Kroos spielte am Sonntag in der ersten deutschen WM-Begegnung im Moskauer Luschniki-Stadion weitaus schlechter als in seinen vier Champions-League-Endspielen.

Selbst ein so langer Satz ist ein einfacher Vergleich und bekommt kein Komma. Leitet als jedoch einen Vergleichssatz ein, ist also ein finites (gebeugtes) Verb im Spiel, so steht ein Komma: Kroos war am Sonntag schlechter, als er es in der Champions League gezeigt hatte.

Ein nachfolgender Begleitsatz zur wörtlichen Rede wird seit der Rechtschreibreform immer mit einem Komma abgetrennt, auch (und das ist neu) wenn die wörtliche Rede mit einem Frage- oder Ausrufezeichen endet: „Wie geht es dir?“, fragte er. „Das ist zu viel!“, schimpfte der Vater. Eigentlich ist das Wasser ein Singularetantum (nur in der Einzahl vorkommendes Wort). Und dennoch gibt es den Plural die Wässer, nämlich wenn es sich um die teuren Duftwässer in den verspiegelten Regalen einer Parfümerie handelt.

Ans „Eingemachte“ kommen wir beim semantischen (wortbedeutenden) Unterschied der beiden Konjunktionen da und weil in vorangestellten Kausalsätzen (Begründungssätzen). Demnach sollten wir „da“ gebrauchen, wenn wir etwas allgemein Bekanntes als Grund nennen: Da heute Sonntag ist, sind die Geschäfte geschlossen. Dass Sonntag ist, dürfte bekannt oder aus dem Kalender zu entnehmen sein.

Also ist es nichts Außergewöhnliches, falls die Geschäfte nicht geöffnet haben. Die Konjunktion „weil“ bietet hingegen etwas Neues, Ausgefallenes: Weil es draußen in Strömen regnet, konnte ich noch nicht mit dem Hund spazieren gehen. Der Regen ist also die Begründung, dass der Hund inzwischen an der Kommode das Bein gehoben hat, nicht meine Unlust zum Spazierengehen.

deutschstunde@t-online.de

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