Meinung
Deutschstunde

Der Säugling soll an die Vaterbrust!

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Wenn der Genderwahn sich in den Geschlechtern der Verwandtschaft verläuft, ist die Grenze überschritten.

Eigentlich soll man nicht nachkarten. Wenn das Spiel gespielt ist, wird neu gegeben. Doch hier handelt es sich um kein Spiel mehr, sondern um den todernsten Versuch bestimmter Gruppen, nicht nur das Reden, sondern auch das Denken der Mehrheit in unserer Gesellschaft durch eine angeblich geschlechtergerechte Sprache („Redepult“), häufig gepaart mit der Political Correctness („Othellotorte“), zu kon­trollieren und zu zensieren. Bisher hielt ich manche Blüten des sogenannten Genderwahns für kabarettistische Pausenfüller und war versucht, sie als Material an Dieter Nuhr weiterzuleiten, doch mit der Zuordnung von männlichen Verwandtschaftsbegriffen in deutschen Komposita zur Macho-Fraktion ist eine rote Linie überschritten worden.

Ich habe vor einer Woche an dieser Stelle Einspruch erhoben, dass der Begriff „Vaterland“ plötzlich als diskriminierend gelten soll, der „Mutterboden“ des Vaterlandes oder die Muttersprache aber nicht gegendert zu werden brauche. Ich habe den Ausdruck „brüderlich“ in der Nationalhymne nie so verstanden, dass der Bruder die Schwester unterdrückt, sondern dass er als der körperlich Stärkere seine schützende Hand über die Familie hält. Dass eine Gleichstellungsbeauftragte in einem Bundesministerium ausgerechnet dieses urdeutsche Wort durch „couragiert“ ersetzen will, also durch ein Fremdwort aus der Landsknechtssprache des Dreißigjährigen Krieges, habe ich als dämlich bezeichnet. Die Leserinnen und Leser hatten noch ganz andere Ausdrücke dafür. Es war, als hätte ich ein Ventil in einem Kessel geöffnet, in dem der Überdruck kurz vor der Explosion stand. Ich habe noch nie eine solche Flut von Zuschriften bekommen wie zu meiner „Deutschstunde“ der vergangenen Woche, und nur zwei waren konträr.

Jemand schrieb: „Tatsächlich wütet da heute ein offenbar erzkonservativer alter Mann gegen das, was längst selbstverständlich sein sollte in unserer Gesellschaft. Einfach widerlich, ein solches Geseier.“ Ein Journalist kann das aushalten, zumal seine Leserschaft völlig anderer Meinung zu sein scheint. Hier einige Zitate aus den Zuschriften:


Mit Ihrer Deutschstunde sprechen Sie mir aus vollem Herzen. Ich hatte mich über diese gänzlich unsinnigen Vorschläge der Gleichstellungsbeauftragten schon geärgert. Der Dame fehlt es offenbar an Selbstbewusstsein. Ich bin ebenfalls eine Frau und habe mit dem Text keine Probleme.

Ich habe gerade Ihre Klage über den Genderwahn beim Deutschlandlied im Abendblatt gelesen. Mein kurzer Kommentar: Danke für Ihre klaren Worte!

Sie schreiben mutig und uns „aus der Seele“. Auch und gerade wenn man wie ich Frauen als das Urgeschlecht sehr schätzt und für absolute Gleichberechtigt eintritt: Das Geschwafel von kulturvergessenen Psychopathen geht einem kolossal auf den Geist!

Ich kann nur hoffen, dass es meine Geschlechtsgenossinnen mit diesem Ansinnen nicht schaffen, unsere im Ausdruck vielfältige, über die Jahrhunderte gewachsene und auch – ohne ideologischen Druck einzelner Gruppen – sich verändernde Sprache zu verstümmeln.

Die Gleichsetzung von Genus und Sexus ist von der Verwechselung längst zum demonstrativen Vorsatz geworden. Dem gilt es zu begegnen.

Der Säugling soll an die Vaterbrust!

Ich sehe es wie Sie. Es besteht keine Notwendigkeit, die Verse deutscher Dichter umzuschreiben.

Mit Genuss habe ich heute Morgen Ihre Deutschstunde nicht nur gelesen, sondern auch meiner Frau vorgelesen, die, obwohl sie – oder gerade weil sie – feministische Theologie studiert hat, Ihre Einschätzung des Genderwahns vollinhaltlich teilt. Ich auch.

Wenn ausgerechnet diese Kreise zu „Heimat“ greifen, nur um ein maskulin klingendes Wort zu vermeiden – wie groß muss da der Leidensdruck sein!!!

deutschstunde@t-online.de