Meinung
Kommentar

Der Abstieg kann für den HSV ein Segen sein

Der HSV steht nach dem Abstieg am Scheideweg. Aber er muss sich neu erfinden, um wieder erfolgreich zu sein.

Hamburg. Abstieg ist Mist. Wer zieht schon gern von einer Villa am Wasser in ein Reihenhaus in der Vorstadt. Man muss Möbel verkaufen, den Zweitwagen abstoßen, auf Urlaub verzichten. Aber wer dauerhaft die Miete nicht zahlen kann …

Die Räumungsklage gegen den HSV ist längst eingereicht, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie zurückgezogen wird, verschwindend gering. Die Verantwortlichen werden alles versuchen, die Villa zurückzubekommen. Und müssen sich der Gefahr bewusst sein, dass bei einem Scheitern sogar das Reihenhaus in Gefahr geraten könnte – und die Sozialwohnung droht.

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Nun soll der Vergleich nicht überstrapaziert werden. Aber der Abstieg birgt unter den gegebenen Voraussetzungen die besseren Chancen für dauerhaften Erfolg als die abermalige Rettung in letzter Minute. Denn erst die (vermeintliche) Katastrophe kann die notwendigen Energien freisetzen, die Dinge zu verändern, zu denen der Club bisher so offensichtlich nicht in der Lage war. Das Argument, der HSV könne sich die Zweite Liga finanziell nicht leisten, ist nicht wirklich eines: Wer sich die Jahresabschlüsse der vergangenen Jahre mit tiefroten Zahlen anschaut, weiß, dass sich der Club die Erste Bundesliga auch nicht mehr leisten kann.

Doch damit man in einigen Jahren wird sagen können, dass der Gang in die Zweite Liga letztlich ein Segen war, müssen in aller Konsequenz harte Schnitte vollzogen werden – und zuallererst die Neudefinition des Clubs. Die Uhr abzubauen und den Dino einzumotten wird nicht reichen. Das Gerede vom „schlafenden Riesen“, der „doch eigentlich ein europäischer Topclub“ sei, muss aufhören. Das verbietet auch Vokabeln wie „Betriebsunfall“ und Sätze wie „Wir sind das Bayern München der Zweiten Liga“ – sonst wird es ein böses Erwachen geben. Nein: Der neue HSV müsste ein regional stark verankerter Traditionsclub sein, der sich als Ausbildungsverein versteht – also nicht nach Sofortlösungen und möglichst schnellem Erfolg strebt, sondern ein neues Fundament errichtet.

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Dazu gehört, dass alle entscheidenden Personen und Gremien sich auf ein Konzept einigen, das dann eben auch nicht bei nächster Gelegenheit (also einem sportlichen Rückschlag) infrage gestellt wird. Alle Personalentscheidungen müssen an dieser Idee ausgerichtet werden – nicht umgekehrt. Kontinuität muss unabhängig von Personen funktionieren. Das Installieren eines „starken Mannes“, der dann seine Ziele verwirklichen will, wäre fatal. Scheitert er, dann scheitert alles, und man steht wieder bei null.

Dazu gehört es auch, sich realistische Ziele zu setzen – eine neue Bescheidenheit also. Jetzt „ins Risiko zu gehen“ und den sofortigen Wiederaufstieg anzupeilen – koste es, was es wolle – wäre genau falsch. Das wäre das Weiterfahren in genau den Bahnen, die in die jetzige Situation geführt haben. Natürlich ist der schnelle Wiederaufstieg erstrebenswert. Wird er aber nur (mit geliehenem Geld) erkauft, bleibt das Grundproblem das gleiche.

Das neue Konzept muss auf einer schmerzhaft ehrlichen und gründlichen Analyse beruhen – etwa, warum so viele Spieler beim HSV in ihrer Entwicklung stagnieren oder schlechter werden und warum so viele, die in Hamburg für zu leicht befunden wurden, bei anderen Clubs Leistungssprünge vollbringen. Ein Grund ist sicherlich mangelnde Geduld und offenbar fehlende Kompetenz in den nicht gerade mit hochkarätigen Fachleuten besetzten Vereinsorganen. Wer immer Soforthilfe verlangt, wird langfristig nie etwas aufbauen können. Ein anderer Grund ist das sportliche Betriebsklima, das so offensichtlich nicht leistungsfördernd ist.

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Der HSV hat eine riesige Bindungskraft und eine treue Anhängerschaft. Viele sind ja nicht in erster Linie wegen der Tabellensituation frustriert, sondern wegen der Art und Weise, wie fahrlässig und sorglos der Club seit Jahren damit umgeht. Sie werden den Verein (wieder) unterstützen, wenn das Gefühl vorherrscht, dass mit ehrlicher, seriöser Arbeit etwas Neues aufgebaut wird.

Und wenn es Identifikationsfiguren gibt. Es ist absurd, dass eine Club-Ikone wie Horst Hrubesch nie eingebunden wurde – der erfolgreichste Nachwuchscoach der vergangenen Jahrzehnte hätte so manches Toptalent zum HSV locken können. Aber noch ist es ja nicht zu spät. Wenn der Club endlich beginnt zu lernen.