Meinung
Deutschstunde

Wie ein saugender Säugling zum Baby wurde

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Was ist der Unterschied zwischen „gesogen“, „gesaugt“ und „gesäugt“? Trotzdem: Deutsch darf Spaß machen!

Eine Kolumne ist laut „Großem Wörterbuch der deutschen Sprache“ ein „von stets demselben [prominenten] Journalisten verfasster, regelmäßig an bestimmter Stelle einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlichter Meinungsbeitrag“. Ich möchte damit andeuten, dass auch meine „Deutschstunde“ als Kolumne regelmäßig am Dienstag an dieser Stelle der Meinungsseite ein Meinungsbeitrag ist, allerdings ein Beitrag über die aktuelle deutsche Sprache. Damit habe ich eine feste Grundlage für die Argumentation und Aussage mit einer langen Halbwertzeit, während einige Publizisten inständig hoffen, dass ihre Kommentare und Prognosen der letzten Wochen zur aktuellen Politik in Berlin inzwischen zu Altpapier geworden sind. Es ist leichter, seine Meinung zur Flexion der starken Verben zu äußern als zur Zukunft der SPD, die nach Meinung von Olaf Scholz nach der nächsten Bundestagswahl den Kanzler oder die Kanzlerin stellen wird, nach der Tendenz der Umfragen aber gegen die Fünfprozenthürde kämpfen könnte.

Deutsch darf Spaß machen, aber Deutsch hat den meisten in der Schule wenig Spaß gemacht, wenn der Unterricht wie bei Professor „Schnauz“ aus der „Feuerzangenbowle“ ablief nach dem Motto: Mit dem Unterricht ist es wie mit der Medizin; sie muss bitter schmecken, sonst hilft sie nicht. Ich weiß nicht, ob es mir in den bisherigen 414 Folgen gelungen ist, den Ernst der Regeln nicht gar so ernst zu präsentieren. Aber ich versuche es weiterhin.

Ich habe mich auch daran gewöhnt, von zahlreichen Lesern (womit ich alle natürlichen sowie beim Bundesverfassungsgericht zusätzlich eingeklagten Geschlechter erfasst haben möchte) nicht nur als Autor, sondern auch als Sprachauskunft betrachtet zu werden. Die Erfahrung lehrt, dass es einfacher ist, eine kurze Frage schnell in einem Satz zu beantworten, als in fünf Sätzen zu erklären, dass man die Frage nicht beantworten möchte. Allerdings gibt es auch Fragen, bei denen ich selbst ins Grübeln und ins Blättern gerate.

Eine solche „Frage der Woche“ lautet diesmal, scheinbar ganz banal: Heißt das 2. Partizip von „saugen“ eigentlich gesaugt oder gesogen? Hat die Feuerwehr den Rauch aus dem Treppenhaus abgesaugt oder abgesogen? Nehmen wir die Auflösung vorweg: Falls sich die Einsenderin das Beispiel nicht aus den Fingern gesogen hat, wurde der Rauch abgesaugt. „saugen“ kann sowohl ein starkes (sau gen, sog, gesogen) als auch ein schwaches Verb sein (saugen, saugte, gesaugt), und wir müssen mit diesem Zwitter-Dasein leben: Er sog/saugte die Luft ein; die Bienen sogen/saugten Nektar aus den Blüten; sie hat nachdenklich an ihrer Unterlippe gesogen/gesaugt.

Wenn Sie zum Saugen aber moderne technische Geräte benötigen, wird das Verb ausschließlich schwach flektiert: staubgesaugt, den Rauch im Treppenhaus abgesaugt (nicht: gesogen). „staubsaugen“ ist heutzutage eine so alltägliche Tätigkeit, dass wir das Verb zusammenschreiben. Dann handelt es sich um ein „festes“ Verb. Mutter saugte nicht „staub“, sondern staubsaugte und hat gestaubsaugt. Allerdings darf sie – orthografisch – ein wenig veraltet nach wie vor auch Staub saugen.

Bei „saugen“ tritt in der 2. und 3. Person keine Umlautung ein, anders als bei „saufen“: du saugst, aber du säufst (was keine Anspielung sein soll). Falls wir jedoch das gesamte Verb saugen umlauten, bekommen wir mit säugen nicht nur eine andere Flexion, sondern auch eine völlig andere Bedeutung. Aus „Luft oder Flüssigkeit einziehen“ (saugen) wird „Flüssigkeit oder Muttermilch abgeben, saugend trinken lassen und auf diese Weise nähren“ (säugen). Da hier bereits der Infinitiv umgelautet ist, sind auch sämtliche Flexionsformen umgelautet: Die Mutter säugte ihr Kind. Die Kuh hat das Kalb gesäugt.

Ein Kind, das an Mutters oder der Ammenbrust saugte, wurde jahrhundertelang Säugling genannt. Heute hat diese Bezeichnung einen leicht atavistischen Beigeschmack. Allgemein wird die englische Bezeichnung Baby als schöner empfunden, die inzwischen so weit eingedeutscht ist, dass dieser Anglizismus auch der deutschen Flexion unterliegt. Der Plural lautet Babys und nicht etwa „Babies“.

deutschstunde@t-online.de