Meinung
Zwischenruf

Alte Märchen sind nichts für Kinderhohren

Kennen Sie auch diese alten Märchenplatten und Kinderbücher, die man aus sentimentalen Gründen bei jedem Umzug mitschleppt und dann doch immer nur im Regal stehen lässt?

Neulich ergab sich die Möglichkeit, ein paar bedauernswerten Kindern die allerschönsten Märchen von anno dazumal vorzuspielen. Da saßen dann die Enkel der Generation Golf (die Muttis fahren ja inzwischen SUV) und hörten diese moralinsauren Geschichten von verschwenderischen Prinzessinnen und bösen Wölfen. Ein unzuverlässiger Schafhirte erhielt genauso seine „gerechte“ Strafe wie ein eitler Schmetterling und so weiter – Tod, Tand, Tristesse überall.

Mit müden Grabesstimmen lasen die Sprecher Albert Florath und Lina Carstens von diesem ganzen Elend. Die zwei stießen bei diesem Trübsinn klar an ihre Grenzen und ließen sogar gute Feen und lustige Frösche so erschreckend düster klingen, dass man sie fast für lauter Bösewichte halten konnte. Plötzlich fiel mir mit Grausen ein, dass ich diese Platte als Kind, also vor sehr vielen Jahren, auch schon so scheußlich fand. Warum hatte ich sie bloß aufgehoben?

„Müssen wir die noch lange hören?“, wollte da ein aufgeweckter Steppke wissen. Das mussten sie natürlich nicht. Die muss überhaupt kein Kind von heute mehr hören. Dieses Stück Zeitgeschichte hat inzwischen auf dem Nachbarschaftsflohmarkt einen begeisterten Käufer gefunden – vermutlichen einen Fan des guten alten Theaters, wo noch laut und deutlich deklamiert wurde. Für das eingenommene Geld wurden übrigens kindgerechte Medien gekauft und einer Kita gestiftet. Und so hatte wenigstens diese Geschichte ein Happy End.

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