Meinung
Deutschstunde

Es ist noch kein Meister aus dem Duden gefallen

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Neben der alltäglichen Norm der Rechtschreibung gibt es Feinheiten, an denen selbst Experten scheitern.

Um es klar zu sagen: Es dürfte nur wenige Experten unter uns geben, mich eingeschlossen, die ein schwieriges Diktat ganz ohne Fehler zu Papier bringen können. Dazu stehen bei der deutschen Rechtschreibung zu viele Fallen und Stolpersteine im Weg. Es gibt Leute, die wollen es zur Diktat-Meisterschaft auf Bundesebene bringen und trainieren am Wochenende in Spezialkursen, straucheln dann aber beim vierten Bindestrich in der Fügung „Start-und-Lande-Bahn“ (obwohl nach Hamburger Übung bereits drei Bindestriche medaillenverdächtig sind).

Doch mit den Meistern der Orthografie (oder, um keinen Ärger zu bekommen: mit den Meistern und Meisterinnen) wollen wir im Alltag gar nicht mithalten. Wir spielen ja auch mit dem Nachbarn ab und zu eine Schachpartie, ohne die Spielstärke von Weltmeister Magnus Carlsen anzustreben oder gar zu erreichen.

Doch das Beherrschen eines durchschnittlichen Kanons der Rechtschreibung, und zwar in einer Norm, die von den Kultusministern, in der Schule, im Berufsleben oder vom Empfänger unseres Briefes vorausgesetzt wird, gehört zu den Grundkenntnissen der Allgemeinbildung. Wer darauf pfeift, pfeift meistens laut und falsch, weil er keine Ahnung hat und haben will; wer sich aber gar nicht mehr zu schreiben traut, der sieht den Wald vor lauter Bäumen oder die Schreibweisen vor vermeintlich ungeordneten Regeln nicht.

Man darf nicht den Fehler machen, jedes Wort einzeln im Duden nachzuschlagen und die Schreibweisen wie Vokabeln lernen zu wollen. Wenn wir die dahinterstehenden Regeln erkennen (die vorn im Rechtschreibduden verständlich und mit Beispielen erläutert sind), erkennen wir auch, dass die Wörter und Gruppen einer Kategorie alle auf gleiche Weise geschrieben werden.

Eine der wichtigsten Regeln der Rechtschreibreform lautet „Verb und Verb immer getrennt“ (obwohl uns die überflüssige Reform der Reform im Jahr 2006 einige Ausnahmen ins Nest gelegt hat). Wenn wir das Verb schwimmen und das Verb gehen zu schwimmen gehen zusammenbringen, wissen wir also, dass wir auch tanzen gehen, spazieren gehen, einkaufen gehen, schlafen gehen oder essen gehen getrennt schreiben müssen. Wollten wir jedes Mal neu im Wörterbuch blättern, würde unser Brief nie fertig werden.

Wie ist es aber mit der Schreibweise von weiter gehen beziehungsweise weitergehen? Das kommt darauf an. Vom folgenden Verb getrennt schreibt man weiter, wenn eine räumliche Entfernung bezeichnet wird: Großvater kann noch weiter gehen als ich. Hier ist „weiter“ der Komparativ des Adjektivs „weit“. Zusammen schreibt man, wenn weiter im Sinne von „vorwärts“ oder „voran“ gebraucht wird: Nach dem Videobeweis kann das Spiel endlich weitergehen (das Spiel fortsetzen). Lasst uns endlich weitergehen (den Weg fortsetzen)! In diesen Fällen handelt es sich bei „weiter“ um ein Adverb.

Werden Partizipien (Mittelwörter) oder Adjektive (Eigenschaftswörter) gebraucht, so richtet sich die Getrennt- oder Zusammenschreibung nach den zugrunde liegenden Verbindungen im Infinitiv (in der Grundform): ein weitergehendes Angebot (wegen: weitergehen), aber: ein (noch) weiter gehender Pilger (wegen: weiter gehen).

Das gilt natürlich auch bei anderen Verben: die Erdöl fördernden Staaten (wegen: Erdöl fördern). Allerdings dürfen inkonsequenterweise einfache Wortformen mit dem Partizip zusammengeschrieben werden: erdölfördernde Staaten (auch korrekt). Aber nur: eine großen Gewinn bringende Investition („großen“ bezieht sich ausschließlich auf „Gewinn“, „großen Gewinn“ ist demnach eine Wortgruppe), jedoch: eine äußerst gewinnbringende Investition („äußerst“ bezieht sich auf die ganze folgende Verbindung, nicht nur auf „Gewinn“).

Ich fürchte, mit diesen Beispielen ein wenig über die Alltagsnorm hinausgegriffen zu haben. Sobald Sie alle diese Feinheiten beherrschen, dürfen Sie sich auch zur Deutschen Rechtschreibmeisterschaft anmelden. Die Quelle dieser Beispiele sei nicht verschwiegen. Sie finden sie im neuen Rechtschreibduden unter Kapitel D 58.

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