Meinung
Glosse

Stemmen ganz ohne Gewichte

Fitness modern: Wie ich der einzige Kraftsportler in meinem Club wurde, der ohne Gewichte arbeitet.

Im zweiten Stock des Fitnessclubs meines Vertrauens in Bahrenfeld öffnet sich eine fremde Welt. Während in den unteren Etagen getanzt, geschwitzt, gelaufen, geschwommen, aber eben auch gelacht, gesaunt und geflirtet wird, herrscht hier eine Atmosphäre grimmiger Strenge. Tätowierte Männer mit ausgeprägter Oberarmmuskulatur und Arnold-Schwarzenegger-Kreuz schreiten von Gerät und Gerät, taxieren die eingestellten Gewichte und wuchten scheinbar mühelos die Last eines Kleinwagens. Nur ab und an unterbricht das Klacken der stählernen Scheiben oder ein Stöhnen die andächtige Stille.

Im Reich der Bodybuilder habe ich ungefähr so viel verloren wie ein HSV-Profi beim Champions-League-Finale. Aber bitte, der Rücken schmerzt, die Physiotherapeutin rät dringend zum Bankdrücken, also zum Stemmen einer Hantel aus einer liegenden Position.

Fasziniert beobachtete ich, wie Männer (aber auch Frauen) die Scheiben auf die Stangen drückten, als wären es Frisbees. Unterdessen überlegte ich mir, in welches Gewichte-Fach ich zum Start greifen sollte. 20 Kilo? Nein, sicher viel zu schwer. Zehn Kilo? Auch noch reichlich. Bevor ich zur Fünf-Kilo-Variante greifen wollte, testete ich einmal das Gewicht der bloßen Stange.

Es war definitiv eine meiner besseren Entscheidungen.

Ich bekam die Stange kaum aus der Halterung. Als ich sie in die Höhe drückte, zitterten mein Oberarme. Seitdem bin ich der einzige Kraftsportler in meinem Club, der ohne Gewichte arbeitet. Kopfschüttelnd verfolgen die Bodybuilder meine Anstrengungen. Am liebsten würden sie einen Trainer rufen, der mich wieder hinunterschickt, zu meinesgleichen. Zu den Saunierern.

Aber ich bleibe. Ist gut für meinen Rücken. Tut mir leid.

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