Meinung
Deutschstunde

Wenn einige Wörter beim Dammtor stehen bleiben

Dann waren sie falsch gekoppelt wie die Wagen eines Zuges. Es geht noch einmal um den tückischen Bindestrich.

Man kann in Hamburg mit fehlenden oder falsch gesetzten Bindestrichen eine lebhafte Diskussion auslösen, und zwar nicht nur mit denen, die an staatlichen Theatern stehen und an privaten Theatern stehen müssten. Die Entscheidung, ob Kunst auch orthografische Provokation einschließt oder ob es hier um die Unkenntnis einfacher Regeln geht, schenke ich mir. Es gibt allerdings auch Bindestriche, die sind nicht einfach, sondern geradezu gemein, sobald wir sie korrekt anwenden wollen.

Eine Leserin fragt, ob es „Start- und Landebahn“ oder „Start-und-Landebahn“ heiße. Die Antwort lautet: Weder – noch! Beide Schreibweisen sind falsch. Richtig wäre „Start-und-Lande-Bahn“, setzen wir einmal voraus, dass auf der „Bahn“, der Betonpiste, sowohl gestartet als auch gelandet wird, wie es auf normalen Flughäfen der Fall ist und für den Hauptstadtflughafen BER für das nächste Jahrhundert geplant wird.

Verwechslung: Wenn der Gärtner auch Fluglotse ist

„Start“ und „Landung“ bestimmen die Nutzung der Piste. Deshalb sind beides Bestimmungswörter und müssen gleichrangig an das Grundwort „Bahn“ angekoppelt werden. Eine „Landebahn“ allein wäre nur zum Landen da, und eine „Start- und Landebahn“ kann nicht im Singular vorkommen. Es mag Provinzflughäfen geben, bei denen der Gärtner auch den Fluglotsen vertreten muss und, um nicht durcheinanderzugeraten, stets auf einer Bahn starten und auf einer anderen Bahn landen lässt. Dieser Flughafen hätte dann auch orthografisch „zwei getrennte Start- und Landebahnen“. In diesem Beispiel ist der Strich aber eigentlich gar kein Bindestrich, sondern ein Ergänzungsstrich, der nichts verbindet, sondern für einen ausgesparten Wortteil steht.

Sie erinnern sich sicherlich an den Unterschied zwischen einer „Gewinn- und Verlustrechnung“ (falsch) und einer „Gewinn-und-Verlust-Rechnung“ (richtig). Der Ausdruck muss mit Bindestrichen durchgekoppelt werden, da es sich nur um eine Rechnung handelt, in der Gewinne und Verluste einander unmittelbar gegenübergestellt werden.

Die amtliche Regel (Duden D 26) lautet: „In Aneinanderreihungen und Zusammensetzungen mit Wortgruppen setzt man Bindestriche zwischen die einzelnen Wörter. Das gilt auch, wenn Buchstaben, Ziffern oder Abkürzungen Teile der Zusammensetzung sind.“ Sie müssen sich das so vorstellen: Das Bezugswort („Bahn“, „Rechnung“) ist die Lokomotive, die die ganze Fügung zieht. Dazu müssen die anderen Wagen bzw. Wörter aber angekuppelt werden. Wird irgendwo die Kupplung nicht geschlossen, fährt die Lokomotive bereits in den Hauptbahnhof ein, während einige Wagen im Dammtor-Gleis stehen geblieben sind und den Verkehr gefährden.

St. oder Sankt: Die Glocken von Sankt Michaelis

Besonders häufig ungekuppelt oder ungekoppelt bleibt das Wörtchen „Sankt“, abgekürzt „St.“. Das darf aber nicht sein. „Sankt“ (lat. sanctus „heilig“) tritt nur als Bestandteil von Namen auf und wird deshalb immer großgeschrieben: „Sankt (St.) Pauli“, „Sankt (St.) Georg“, „Sankt (St.) Michaelis“. Bindestriche müssen zwingend stehen, wenn ein Heiligenname oder ein Ortsname mit „Sankt“ Bestandteil einer Aneinanderreihung wird. Es heißt also St.-Pauli-Theater (jedenfalls müsste es so heißen), St.-Georg-Bewohner oder St.-Michaelis-Kirche, aber: die Glocken von Sankt Michaelis.

Vor Nachsilben steht nur dann ein Bindestrich, wenn sie mit einem Einzelbuchstaben verbunden werden: n-fach, die x-te Wurzel, aber: 32stel, die 68er und die 68er-Generation. Bei Aneinanderreihungen wie DIN-A4-Blatt darf zwischen A und 4 kein Bindestrich stehen und kein Zwischenraum gelassen werden, weil Buchstabe und Ziffer hier eine Einheit bilden.

Der Bindestrich bietet Stoff für mehrere Folgen einer Sprachkolumne. Übrigens ist er so breit wie die Punze des Buchstabens „n“ und wird im Kegel waagerecht auf der Linie angesetzt, auf der sich die Schenkel des kleinen „x“ kreuzen. Was bedeutet hier eine Punze? Der Innenraum eines Buchstabens. Und der Kegel? Die Zeilenhöhe. Doch den Geist von Gutenberg brauchen Sie nicht zu beschwören. Es reicht, wenn Sie sich beim Bindestrich an Konrad Duden halten.

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